Wenn Gott in (m)ein erbärmliches Leben eingreift

 

Denn siehe, ich will ein Neues schaffen,

jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Ich mache einen Weg in der Wüste und

Wasserströme in der Einöde. (Jes 43,19)

 

Hallo Du,

wir organisieren täglich unser Leben

und treffen dabei Entscheidungen.

Manche nur für den Moment, andere

für die nächsten Tage oder Wochen,

einige für die Zukunft.

Dabei verplanen wir uns selbst.

Wir legen fest, wie und wofür wir unsere

Zeit und unsere Kraft einsetzen und

oft genug sind darin unser Umfeld,

unsere Familie oder Mitmenschen

eingebunden.

Wir entscheiden nicht mit ihnen,

sondern für sie.

Wir sind Bestimmer – und das ist gut so,

denn dann bewegt sich (vielleicht) auch

etwas!

Wir sind eben starke Persönlichkeiten,

die wissen, was sie wollen.

Jedenfalls glauben wir das gerne.

 

Manche von uns denken dabei aber nur

an sich selbst; an ihre Vorteile und ihr

Wohlbefinden; an ihre Selbstbestimmtheit,

Unabhängigkeit oder Freiheit; an ihre

Durchsetzungskraft oder ihren Erfolg.

 

Daran, bekannt und berühmt zu sein

oder zu werden,

daran, geliebt oder verehrt zu werden,

daran, sich selbst bekannt, begehrt

oder berühmt zu machen und zu fühlen,

ihr Leben und ihr Wollen anderen

bei Facebook oder Twitter mitzuteilen und

dort ‚Freunde’ bzw. ‚Follower‘ zu finden.

Sie twittern, posten oder liken.

Sie suchen eifrig neue Kontakte.

Sie laufen hinter etwas oder jemandem her.

 

Auch sie gestalten Raum und Zeit,

Gegenwart und Zukunft und gerade sie

hinterlassen Ego-Spuren in der

Vergangenheit des Internets, die vielleicht

auch noch mit Selfies für die Nachwelt

dokumentiert sind.

Und die Anzahl ihrer ‚Follower‘ entscheidet

oft genug über ihren Wert

und/oder die Größe ihrer Berühmheitsstatue.

 

Besonders wichtig scheint zu sein,

sich gut zu ‚verkaufen‘!

Also: Schaut alle her!

Seht, dass ich bin!

Seht, wer ich bin.

Seht, was ich kann und vermag.

Seht, wo ich bin und wen alles ich kenne.

Seht und bestaunt mich,

erkennt und beklatscht mich,

liebt mich doch.

 

Was wird das für eine Liebe sein, die

solche von diesem Publikum erhaschen?

Von Menschen, die sie kaum kennen,

die sie wahrscheinlich nie treffen,

die sie eigentlich nur benutzen.

 

Ich sehe, dass da etwas nicht stimmt.

Ich verstehe,

dass die Kinder dieser Welt ein Abbild

dieser Welt sind und darin ihren Platz

suchen,

dass sie unter ‚Anerkennung‘ Liebe

verstehen und dass sie eigentlich nach

echter und bleibender Liebe suchen.

Sie möchten,

dass sie beachtet und gewürdigt werden;

dass jemand Zeit für sie hat,

oder Zeit für sie nimmt;

dass sie um ihrer selbst willen geliebt

und angenommen zu werden;

dass sie für jemanden wichtig sind,

dass sie mit anderen in einer festen und

ehrlichen Verbindung stehen

und dass sie zu einer liebevollen

Gemeinschaft gehören.

 

Eigentlich aber suchen sie

ihre eigene Identität,

ihren ‚Wert‘ für andere,

ihren festen Platz in der Gemeinschaft.

Sie leiden unter der

zunehmenden Individualität, Anonymität

und der Bedeutungslosigkeit von fester,

dauerhafter Beziehung

und verbunden damit,

dem Verfall von Treue und Zusammenhalt.

 

Wie gerne richten sie – (wie auch wir),

starke Scheinwerfer auf sich,

rücken sie ihre Extravaganz,

ihre Cleverness oder Fitness, ihr Genie,

ihren Ideenreichtum, ihre Raffinesse,

ins rechte Licht, ins Rampenlicht,

um besser gesehen zu werden,

um überhaupt gesehen zu werden!

 

Sie handeln nach der Maxime:

Jeder ist seines Glückes Schmied!

Jeder ist für sein Lebensglück

selbst verantwortlich.

Alle sins selbst dafür verantwortlich,

was sie aus ihrem Leben machen,

ob sie die eigenen Träume verwirklichen

oder ihre Wunschziele erreichen.

 

Wir sind fest davon überzeugt,

dass wir unser Schicksal

durch eigenes Tun

beeinflussen können und müssen.

 

Weil sich aber (fast) alle

irgendwie beweisen wollen

und vorwiegend sich selbst sehen,

im Rampenlicht stehen wollen,

machen sie sich gegenseitig Konkurrenz.

Dieses Denken lässt außer Acht,

dass wir uns besser ergänzen sollten.

 

Dazu ein Beispiel:

Ein Auto besteht aus vielen Einzelteilen.

Jedes Teil, hat seine eigene Bedeutung.

Nur wenn alle Teile sinnvoll zusammen-

wirken, kann das Auto zuverlässig seinen

Zweck und seine Bestimmung erfüllen,

zur Freude der Mitfahrenden.

 

Der Mensch besteht aus vielen einzelnen

Zellen, die in spezialisierten Zellverbänden

miteinander verbunden sind und die sich

wieder gegenseitig ergänzen und

gemeinsam dann, das Ganze bilden.

Im Laufe der menschlichen Entwicklung

wurden diese Strukturen immer weiter

verfeinert und optimiert.

Im Laufe unseres Lebens lernen wir,

uns immer besser zu vernetzen.

Das macht uns zu einem Wunder.

Intensives Suchen nach unserer

Bestimmung und handelndes

Ausprobieren unserer Möglichkeiten,

entwickelt dieses Wunderwerk.

Oberflächliches, effekthaschendes,

auf Ruhm ausgerichtetes Suchen dagegen,

ist sinnlos, es hemmt und führt vom

Eigentlichen weg.

 

Die Prämissen sind oft falsch.

Nicht das unabhängige Individuum

macht uns aus, sondern die

Eingebundenheit in die Gruppe,

das Füreinander da sein

und das Miteinander gestalten.

 

Ein Fußballteam aus selbstbezogenen,

ruhmsüchtigen Individualisten, kann nicht

erfolgreich sein.

Nur wenn die Individualisten sich

zurücknehmen, sich in das Mannschafts-

gefüge einordnen und willig die Strategien

des Trainers befolgen, können sie durch

ihr Zusammenspiel siegreich sein.

 

Im gemeinsamen Aufwachsen lernen wir,

was uns leichtfällt, was wir gerne tun,

was wir können, welche Bedeutung wir

für andere haben und wer wir wirklich sind.

Lob, Ermutigung und Ermahnung

durch Eltern, Großeltern oder Lehrer*innen

unterstützen das. Hierbei entwickeln wir

unsere Fähigkeiten und unseren Wagemut

und werden dabei zu den Spezialisten,

die die Gemeinschaft braucht.

Unseren Platz darin finden wir im

gegenseitigen Ergänzen, nicht aber

im Konkurrieren.

Unseren Sinn finden wir in der Verbindung

mit anderen und in der Bindung an Gott,

die uns ermöglichen, uns selbst

mit anderen Augen zu sehen,

uns von innen und von außen zu sehen

und uns dadurch zu erkennen.

 

Doch leider:

Je weniger die Menschen mit Gott in

Verbindung stehen,

desto mehr lieben nur sich selbst,

desto leerer wird ihr Inneres,

desto mehr verlieren sie sich im Außen.

 

Ohne die geistige Verwurzelung in ihn,

haben sie kein Regulativ, keinen Halt

und keine Orientierung.

Sie sind den Stürmen des Lebens

ausgeliefert und werden von ihnen

wie ein aufgeblasener Luftballon

hin und her getrieben oder weggeweht.

Man muss kein Prophet sein um zu

erkennen, dass an übertriebener

Selbstbezogenheit und geistig-geistlicher

Entwurzelung immer mehr Familien,

Gemeinschaften, Verbindungen,

Beziehungen, Kulturen und Staaten

zugrunde gehen werden.

 

Im übergroßen Selbstbezug zeigt sich die

ewige Revolte des Menschen gegen Gott.

Er löst sich von ihm, um selbst Bestimmer

zu sein, um selbst Gott zu sein.

Das ist Größenwahn!

Das kann nicht gut gehen.

Die, die diesen Irrweg gehen,

werden irgendwann scheitern,

an Hochmut oder Überheblichkeit,

an Orientierungslosigkeit,

an Maßlosigkeit, Zweifel, Überforderung

und an Kraftlosigkeit.

Eigentlich aber an sich selbst!

 

Freiherr von Eichendorff dichtete einst:

    Du bist’s, der, was wir bauen,

    mild über uns zerbricht,

    dass wir den Himmel schauen –

    darum so klag ich nicht.

 

In Anlehnung daran habe ich gedichtet:

    ‚Du bist’s, der uns erbauet,

    aus Trauer und aus Schmerz,

    der liebend uns durchschauet,

     für ein gereinigt Herz.

 

Selbst wenn wir denken, wir seien frei,

unabhängig und selbstbestimmt:

Wir sind es nicht!

Wir haben keine Kontrolle über das

Geschehen.

Gott, der Schöpfer hat alles wohl geordnet

und allem und jedem seinen Platz in der

Schöpfung zugewiesen.

Wer sich gegen diese Ordnung auflehnt

und sich aus ihr entfernt, wird zur

Rechenschaft gezogen und muss die

Konsequenzen daraus tragen,

in selbsterzeugtem Leiden,

unter Schmerzen, in Not, Einsamkeit

oder Erfolglosigkeit.

In der unfruchtbaren Wüste

des Unglaubens;

in der chaotischen Hölle der

eigenen Gottlosigkeit.

Und das solange, bis er/sie wieder

zurückfindet, sich wieder eingliedert

in die gottgegebene Ordnung

und Gott wieder als Weltenlenker

und als Herrn über sich anerkennt.

Erst dann ist die göttliche Ordnung

zwischen Schöpfer und Geschöpf

wiederhergestellt, erst dann kehren

Ausgeglichenheit und innerer Frieden

zurück.

 

In dem Moment, in dem der verlorene

Mensch gottbereit(et) ist,

in dem er Gott in seinem Elend begegnet,

erkennt er die traurige Wahrheit über sich,

seine Hilflosigkeit und Gottverlassenheit.

Das ist erschreckend und schmerzlich,

aber auch befreiend und heilend.

Das wirft ihn aus der alten Bahn.

Das ist seine Chance zur Umkehr in ein

neues Leben mit Gott und zu einem

Neubeginn unter dessen Regie.

Das ist die ersehnte Möglichkeit zur

Veränderung der bisherigen Persönlichkeit,

alter Einstellungen, Erwartungen, Werte

und Ziele.

Das ist der notwendige Weg zur Heilung

von Blindheit, Taubheit und Ignoranz.

Das ist die einzige Chance zur Genesung,

zu Wahrhaftigkeit, Vergebung

und zur Sinnerfüllung

 

1.Sam 2,6 bringt das auf den Punkt:

Der HERR tötet und macht lebendig,

führt ins Totenreich und wieder herauf.

 

Erschüttert erkennt der Mensch:

Allein aus eigener Kraft hat nichts Bestand.

Darauf ist kein Verlass, denn der eigene

Horizont ist zu niedrig, die Sichtweise ist

wollend gefärbt und das Wissen

immer zu gering. Gott überragt ihn weit.

Ohne ihn, bleibt der Mensch unvollkommen.

Aber auch:

Der Mensch ist zwar nur ein Puzzelteil,

aber ein gottgewolltes, ein wichtiges,

ein von Gott begabtes und ein von Gottes

Liebe abhängiges.

 

Gott sei Dank.

Wenn er in unser erbärmliches Leben

eingreift, verändert sich alles.

Die alten Lebensträume zerbrechen.

Das eigene Erwartungs-Schloss zerfällt.

Das Ich-Fundament löst sich auf.

Anstelle davon, baut der wiedergefundene

Schöpfer nach und nach in uns ein

gottgerechtes, gutgegründetes

Glaubensgebäude auf,

das  auf seiner Liebe gründet,

gebaut wird von Jesus Christus,

angefüllt wird mit seinem Wort

und die Bewohner befähigt

mit seinem Geist, der den unsrigen

weit übersteigt.

 

Das beglückt.

Die ständige Zuwendung seiner Gunst,

wie auch die Bestätigung

auf dem rechten Weg zu sein

und die immer neue Ergänzung

durch Erkenntnis,

beschenken und weiten,

machen bedeutsam!

 

Und obwohl wir als Menschen

in dieser verführerischen Welt

immer wieder stolpern oder stürzen,

haben wir jetzt einen Halt in Gottes,

in unserer Verbundenheit mit ihm.

Und weil er uns immer wieder dort

väterlich trägt, schützt und leitet,

wo Gefahr droht unehrlich zu leben,

deswegen lieben wir ihn und sind wir ihm

dankbar und treu ergeben.

 

Im ständigen Zusammenwirken

von seiner gnädigen Zuwendung

und unserer dankbaren Treue,

verfestigen sich unser Gottvertrauen,

unser Glaube und unsere Verbindung

mit ihm – und auch unsere

Gemeinschaftsfähigkeit mit anderen.

 

 

Ist jemand in Christus, so ist er eine

neue Kreatur; das Alte ist vergangen,

siehe, Neues ist geworden.

(2.Kor 5,17)

 

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