Revierkämpfe?
Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben,
der keines hat. Und wer etwas zu essen hat,
soll es mit dem teilen, der nichts hat. (Lk 3,11)
Hallo Du,
als ich 13 Jahre alt war, rottete ich mich einmal mit anderen
Jugendlichen zusammen, um meinen damaligen Wohnort
gegen die ‚Erzfeinde‘ aus dem Nachbarort zu verteidigen.
Zu einem, von wem auch immer festgelegten Zeitpunkt,
trafen wir uns ‚mit Stöcken bewaffnet‘, an der Reviergrenze,
am Bahndamm, kletterten hinauf und sahen von oben herab
auf den etwa 500 m entfernten Nachbarort.
Erstaunlicherweise kamen unsere ‚Gegner‘ fast zeitgleich.
Es waren ebenfalls Jugendliche, nur weniger als wir.
Sofort fingen wir an zu brüllen, zeigten Drohgebärden,
schwenkten unsere Stöcke. Manche nahmen Steine von
Gleisbett und warfen sie in Richtung der anrückenden
Gegner. Wir hatten einen taktischen Vorteil, weil wir schon
oben waren, sie aber noch unten. Auch hatten wir jede
Menge Steine, sie aber hatten nur ihre Knüppel und viel
Lehm an den Schuhen. Die Steine hielten sie auf Distanz.
Dann steckten sie die Köpfe zusammen und berieten sich.
Danach rannten sie wutentbrannt schreiend gleichzeitig auf
uns zu, wahrscheinlich um unsere Entschlossenheit zu
testen, stoppen plötzlich und zogen sich zurück, als wäre
nichts geschehen. Das löste in uns Siegesgeschrei und
Häme aus.
Sicherheitshalber warteten wir noch eine halbe Stunde,
ob sie zurückkommen würden. Dann gingen dann stolz
und zufrieden nach Hause. Denen haben wir es so richtig
gezeigt.
Doch irgendwie war mir komisch dabei.
Woher wussten ‚Die‘, wann wir kommen würden?
Weshalb hatten wir uns wie wildgewordene Affen verhalten?
Wen oder was haben wir verteidigt?
Außerdem:
Ich hatte gar keine Feindschaft mit denen; ja ich habe sie
nicht einmal gekannt.
Szenenwechsel.
Als ich viele Jahre später als Junglehrer meine erste Stelle
antrat, suchte ich in der großen Pause im Lehrerzimmer
einen ersichtlich freien Platz. Kaum saß ich, kam ein älterer
‚Herr‘ zu mir und sagte, dass dies schon immer der Platz
von Herrn X sei, der auch sicherlich gleichkäme. Vielleicht
fände ich ja ganz hinten einen Platz.
Also stand ich auf und suchte mir hinten, wo alles frei war,
einen Platz. Kollegial kam eine Frau auf mich zu, fragte,
wer ich sei und erklärte mir, dass dies hier die Plätze der
wichtigen Lehrer im Kollegium seien, von denen, die bei
Konferenzen auf Distanz zur Schulleitung bleiben wollten.
Meine Frage, wo denn freie Plätze für Neue seien,
beantwortete sie mit: „Eigentlich ist hier gar nichts frei!
Das weiß ich von den Gesamtkonferenzen, denn dann
sind alle da.“
Im Tierreich nennt man das Territorialverhalten. Tiere
verteidigen ihre Reviere, ihren Lebensraum, ihren
Einflussbereich, ihr Zuhause, ihren Platz, ihre Sicherheit.
Das machen offensichtlich auch die Menschen.
Wer sich in ein fremdes Revier begibt, der ist ein Feind,
den es mit allen Mitteln zu vertreiben gilt. Sollte der jedoch
‚im Kampf‘ siegen, hat man an Status verloren und muss
notgedrungen seinen Platz räumen und sich mühsam einen
Neuen suchen.
Das wirft Fragen auf:
Findet bei einer solchen Einstellung wirklich jeder ‚seinen‘
Platz im Leben?
Was ist mit den Straßenkindern, die ihren Schlafplatz unter
Brücken oder in der Kanalisation haben?
Was ist mit den Asylanten, die ‚zuhause‘ vor Krieg oder Not
geflohen sind? Was ist mit Arbeitslosen, Obdachlosen oder
Waisen?
Was, mit Behinderten, Fremden oder Andersgläubigen?
Wenn wir nicht zusammenrücken und Platz schaffen,
werden vielleicht auch unsere Kinder irgendwann entwurzelt
sein. Wenn wir nicht abgeben, werden auch wir nie Hilfe
bekommen.
Doch:
Können wir unseren Revierinstinkt überwinden?
Ja, wir können! Wir können immer, wenn wir dadurch
Vorteile haben, denn wir sind auch Gruppenwesen.
Die Familie gibt Sicherheit. Kinder sorgen für den
Fortbestand.
Geschwister und Mitschüler sind Sparringspartner für den
späteren (Über)Lebenskampf. Freunde sind Unterstützungs-
partner und Verbündete. Nachbarn könnten es werden.
Arbeitskollegen/innen sind gleichgestellte Mitspieler.
Bei Chefs muss man vorsichtig sein und genau prüfen,
zu wem sie halten. Bestenfalls gehören alle zu unserer
Herde. Am sichersten sind wir mittendrin und wenn wir
uns für andere nützlich machen.
Und wie überwinden wir unsere Urinstinkte?
Durch Kultivierung. Durch Dazulernen. Durch Respekt,
Toleranz und Nächstenliebe. Durch Geduld, Freundlichkeit
und Güte. Durch Nachsicht und Selbstbeherrschung. Durch
Liebe, Offenheit, Wohlwollen und Zuwendung werden aus
Fremden Bekannte, aus Feinden werden Freunde, wird aus
Gerangel und Kampf wird Gelassenheit und Frieden, wird
aus Angst wird Freude, aus Ungeduld wird Verständnis.
Aus Selbstüberwindung erwächst Freude über die eigene
Stärke und das Vertrauen, erwächst eine bis dahin
unbekannte Freude über die Ergänzung auch durch Fremde.
Das Gewohnte und Vertraute macht unaufmerksam und
schläfert das Interesse am Erleben nach und nach ein.
Das Ungewohnte und Neue aber hält wach, erhält das
Interesse und schärft die Sinne, ermöglicht die nötige
Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit im Spannungsfeld
zwischen Individualität und Gruppendazugehörigkeit.
Nur gemeinsam sind wir stark! Das Miteinander und
Füreinander ist besser als persönliche Vorteilnahme
oder gar ein Gegeneinander! Eigene Einbindung ist
besser als Ausgegrenzt sein. Entgegenkommen besser
als ein Aufeinander losgehen. Freundlichkeit ist besser als
Ablehnung. Nächstenliebe besser als Angst und Hass.
Ich bin ein überzeugter Europäer! Die neue Freundschaft
mit den Nachbarländern erzeugt Sicherheit. Sie sorgt für
Vertrauen und Frieden, für eine größere eigene Herde.
Sie erhält inneres Wachstum, notwendige Veränderung
und angemessene Einpassung. Sie erfordert ein ‚Sich
einbringen‘, ein ‚Immer wieder Nachgeben‘ und ‚Sich
Zusammenfinden‘. Und das zum Wohle aller Europäer,
unserer Nächsten.
Unsere erfolgreiche Zukunft liegt in einem Zusammenschluss
der Herzen, aber auch in der Erkenntnis, dass unser Planet
der Lebensraum aller ist. Ebenfalls von Tieren und Pflanzen.
Alles ist aufeinander angewiesen, besonders in Notzeiten, in
Zeiten persönlicher Verletzlichkeit.
Die Bibel hat das schon lange erkannt und im doppelten
Liebesgebot ausgedrückt.
Der zweite Teil besagt:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
(3. Mose 19,18)
Das aber ist nur möglich, wenn Menschen ihr selbstsüchtiges
Hegemonie- und Machtstreben, ihren Protektionismus und
ihre Revierkämpfen ablegen. Besonders die, die zu politische
Macht kommen, die Führerinnen und Führern werden.
Sie sollte auch Vorbild ihrer Gesellschaft sein.
Und, das Wichtigste: Sie sollten sich stets bewusst sein,
dass sie nicht die Größten sind; dass sie nicht machen
können, was sie wollen; dass sie nicht einfach Menschen-
rechte übergehen können, sondern dass auch sie vor Gott
Verantwortung tragen und ihm für ihr Tun Rechenschaft
ablegen müssen.
Gerade für solche Potentaten gilt:
Memento moriendum esse!”
(Bedenke, dass du sterblich bist!)
Man könnte auch sagen:
‚Werde nicht größenwahnsinnig!‘,
denn Despotismus ist nichts anderes.
Er kommt aus gottgleicher Selbstherrlichkeit, aus
Überheblichkeit, Verblendung, Mangel und Schwäche.
Es war alter römischer Brauch, dass bei jedem Triumphzug
für einen siegreichen Feldherrn, ein Sklave oder Priester
hinter ihm auf dem Führungswagen stand, ihm einen
Lorbeerkranz oder die goldene Eichenlaubkrone des
Jupitertempels über den Kopf hielt und ihn gleichzeitig
immer wieder mit diesem Worten zu Demut und
Nächstenliebe mahnte.“
Aus christlicher Sicht würde man vielleicht sagen:
(Auch) Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit
all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und
deinen Nächsten wie dich selbst« (Lk 10,27).
Für uns alle gilt:
Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der
keines hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es
mit dem teilen, der nichts hat. (Lk 3,11)
Wir sollten nicht vergessen:
Er war schwach, als er gekreuzigt wurde, doch jetzt
lebt er durch Gottes Kraft. Genauso ist es bei uns:
Wir teilen seine Schwachheit, weil wir mit ihm
verbunden sind. Aber gerade deshalb – wegen
unserer Zusammengehörigkeit mit ihm – haben
wir durch Gottes Kraft auch Anteil an seinem Leben,
und das wird sich an unserem Verhalten euch
gegenüber zeigen. (2.Kor 13,4)
