Vertrauen und Umarmung – ein gegenseitiges Geschenk
Hallo Du,
wahrscheinlich hast du schon einmal bemerkt, dass es dir unangenehm ist, wenn fremde Menschen dir zu nahe kommen, beispielsweise in überfüllten Bussen oder Bahnen oder beim Einkaufen oder in großen Menschenansammlungen. Man sagt, der gerade noch ertragbare Wohlfühlabstand sei mindestens eine Armlänge. In Bewegung auf der Straße oder in der Bahn, bei Ausweichmöglichkeiten, mindestens ein halber Meter.
Als hochsensible Person bin ich für so etwas besonders empfindlich und ich habe bei mir selbst festgestellt, dass sich der ertragbare Wohlfühlabstand nicht in Zentimetern messen lasst, sondern variiert. Er setzt sich aus mehreren Aspekten zusammen, bspw. aus dem individuellen Schutzbedürfnis, aus den alten Erfahrungen der Seele, aus dem jeweiligen nervlichen Zustand des Körpers sowie dem Ort, der Stimmung und dem Kontext des Jetzt-Momentes.
Wenn Menschen sich nahekommen, zählt zunächst der erste Eindruck. Vertrauen beginnt nicht mit Worten, sondern mit Atmosphäre, mit dem, was ein Mensch ausstrahlt, bspw. mit Offenheit, Ruhe, Sanftheit, Geduld und Frieden. Ist der Mensch anziehend, aufmerksam, gesammelt, wach und zugewandt?
Noch bevor Worte fallen, prüft die Seele: Bin ich sicher? Kann ich bleiben? Darf ich mich öffnen? Der erste Eindruck ist wie ein innerer Kompass, der sagt: „Ja, ein bisschen Nähe geht“ oder „Nein, ich brauche unbedingt Sicherheitsabstand“.
Wenn jemand ruhig, freundlich und nicht drängend wirkt, darf der Abstand kleiner werden. Wenn jemand laut, fordernd oder unruhig wirkt, muss der Abstand größer sein. Der Körper, die Seele bzw. das Bauchgefühl entscheiden das sofort.
Kennenlernen und Vertrauen brauchen Gelegenheit und Zeit für die jeweils eigene Sicherheit. Danach kommt das ‚Hände reichen‘, das ‚Herzen öffnen‘ und das ‚Nähe zulassen.
Man wird nahbarer. Die Gespräche werden offener und persönlicher. Man beschäftigt sich in Gedanken mit diesem Menschen und wird dabei mit ihm immer Vertrauter. Das Vertrauen wächst. Das Wiedersehen wird herzlicher und freudiger.
Offene Arme und herzliches Umarmen zeigen ‚volles gegenseitiges Vertrauen‘ und die Bereitschaft für weitere gemeinsame Schritte.
Umarmen zeigt, dass Herzen sich nähergekommen sind, dass die Nähe als angenehm empfunden wird, dass man vertraut. Der Abstands-Bann ist gebrochen. Vorsicht muss nicht mehr sein. Herzlichkeit darf sich zeigen. Freundschaftliche Verbindung entsteht.
So wird eine Umarmung zu einem gegenseitigen Wunder. Sie signalisiert: Wir sind uns gewogen und wichtig. Bei dir fühle ich mich sicher und geborgen. Wir sind bereit, uns aneinander anzulehnen, uns halten zu lassen – ohne uns dabei zu verlieren.
Wir tragen wir einander Lasten. Nicht indem wir ziehen, sondern indem wir Raum geben. Nicht indem wir drängen, sondern indem wir einfach füreinander da sind.
Seid bescheiden und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil. Jeder von euch soll das Wohl des anderen im Auge haben. (Phil 2, 3b-4; HfA)
