Sein Kreuz auf sich nehmen

 

Und Jesus rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.  (Mk 8,34)

 

Hallo Du,

manchmal lesen wir etwas, was vielleicht nicht verständlich ausgedrückt ist. Wir verstehen es nicht richtig und wir gehen dem auch nicht klärend nach.Dadurch können grundlegende Missverständnisse entstehen, die uns in die Irre leiten und uns das Leben schwer machen.

 

Der obige biblische Leittext enthält gleich zwei solcher schwer verständlicher Hinweise: ‚Sich selbst verleugnen‘ und ‚Sein Kreuz auf sich nehmen‘.

 

Sich selbst verleugnen

Wie verleugne ich mich selbst? Was ist mein Selbst?

Mein Selbst bestimmt sich durch mein persönliches Denken, Fühlen, Wollen und Handeln. Es ist Ausdruck meiner Selbständigkeit, aber auch meiner Selbstbezogenheit, Selbstzufriedenheit und Selbsthilfe.

 

Ich bin mir selbst der/die Nächste, weil ich mich selbst am besten kenne und die Welt um mich herum mit meinen Sinnen und meinem Verständnis sehe und filtere. Daher ist es für mich normal, dass ich zuerst an mich denke und egoistisch bin.

 

Da ich alles von mir aus sehe, ist es auch normal, von mir auf andere zu schließen. Ich nehme mich selbst zum Maßstab und gehe davon aus, dass das was ich denke und für richtig halte, auch richtig ist und auch, dass andere den gleichen Maßstab und gleiche Ziele haben.

 

Zusätzlich übertrage ich eigene Verhaltensweisen oder Charaktereigenschaften, besonders die Negativen, gerne auf andere. Ich unterstelle ihnen, was bei mir nicht in Ordnung ist und finde darin Bestätigung, dass meine eigene, heimliche Schlechtigkeit so schlecht nicht sein kann, weil sie ja von anderen getoppt wird. Ich spiegele mich in ihnen und übertrage meine unangenehmen Seiten auf sie, damit ich gut dastehe.

 

Um mein Selbst weiter aufzuwerten, beweihräuchere ich mich ständig, lobe und brüste ich mich übermäßig, schneiden auf; prahle; gebe an und klopfe mir innerlich auf die Schulter, auch oder gerade dann, wenn es nicht berechtigt ist. Durch ständiges Selbsteinreden werte ich mich auf und glaube schließlich daran. Das hat auch den Vorteil, dass ich den Mut habe, etwas anzugehen und zu vollenden. Und wenn es dann auch noch gelungen ist, werde ich meiner selbst sicher, und bekomme Selbstvertrauen. Das hilft mir, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und selbständig zu handeln. Das trifft auch auf mein Leben zu.

Meine Selbständigkeit hilft mir, mich von anderen unabhängig zu machen, sie nicht mehr über mich und mein Leben bestimmen zu lassen. Ich gestalte es selbst. Wenn alles nach meinen Maßstäben geht, bin ich mir selbst genug und mit mir selbst zufrieden.

 

Andere sagen, ich bliebe mir treu; ich wahre meine eigene Identität und verstelle mich nicht. Meine Handlung und mein Verhalten stimmen mit meinen Zielen und Werten überein; ich besitze Integrität, ich sei echt – und das bewundern sie. Doch irgendwie bemerke ich, dass zwischen meinen Zielen, Wünschen, Vorstellungen, Ansprüchen, Bedingungen und Erwartungen und denen von anderen große Unterschiede bestehen. Betrüge ich mich selbst? Überschätze ich mich? Verkenne ich die Wirklichkeit.

Zu oft stehe ich mir selbst im Weg und komme aufgrund meiner Unzulänglichkeiten nicht weiter. Ich bin mit mir selbst nicht mehr im Einklang und habe innere Widersprüche und Zweifel. Die Gegensätze zwischen meiner Welt und der Wirklichkeit werden immer größer, unüberbrückbarer. Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst und kann nicht mehr vernünftig denken und handeln. Aufregung, Enttäuschung, Angst und Wut nehmen mir die Kontrolle über mich selbst. Meine Einheit geht verloren. Ich bin wie gespalten und tue Dinge, die ich nicht tun möchte. Mein Selbst wird durch Fremdeinwirkungen weiter gespalten. Mein Verstand, meine Seele und meine Gefühle führen ein Eigenleben und gehen unterschiedliche Wege. Sie arbeiten gegen meinen Geist und mein Wesen. Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, bin ich bald nur noch ein Schatten meiner Selbst. Schon jetzt bin ich blass, kränklich, angeschlagen und schwach. Ich fühle mich schlecht und bin in einem bedauernswerten Zustand. Gerne würde ich wieder zu mir selbst kommen und mir meines Tuns und meiner inneren Haltung bewusst werden.

 

Ich erkenne:

Mein menschliches, selbstbezogenes Selbst macht mich egoistisch, selbstgefällig und unaufrichtig, taub und blind für Fremdes und mich selbst zum Sklaven und Hemmschuh.

Sich selbst zu verleugnen bedeutet, seine Selbstbezogenheit zu überwinden, über den eigenen Schatten zu springen, hinter den eigenen Horizont zu schauen sowie Fremdes und Neues im Lebenzuzulassen und sich damit auseinanderzusetzen. Es bedeutet, sich nicht wichtig zu nehmen und nicht wichtig zu tun. Es rückt zurecht, läutert und erneuert. Nur Gott und Jesus sind wichtig! Es bedeutet weiterhin, sich und sein Sicherheitsbedürfnis und seine ganz persönlichen Ziele, Wünsche, Vorstellungen, Ansprüchen, Bedingungen, Erwartungen und Selbsthilfe aufzugeben und im Leben ganz auf Gott zu vertrauen. Ihn als Schöpfer und Geber alles Seins und Werdens zu sehen.

 

Sein Kreuz auf sich nehmen

Die Römer setzten in biblischer Zeit in ihren Kolonien gerne das Kreuzigen als grausame und abschreckende Hinrichtungsstrafe für entflohene Sklaven sowie für nichtrömische Aufständische und Verbrecher ein. Es war eine politische Strafe zur Sicherung und Aufrechterhaltung der Macht. Sie wurde als öffentliches Spektakel zelebriert und war eine Demonstration römischer Macht, um die Betrachter einzuschüchtern, abzuschrecken, zu demoralisieren und um ihre Unterwerfung und ihren Gehorsam zu erzwingen. Deshalb lagen die Hinrichtungsstätten auch auf weithin sichtbaren Hügeln oder neben vielbenutzten Straßen.

Sein Kreuz nimmt der zum Schandtod verurteilte erst dann auf sich, wenn das Todesurteil endgültig und unwiderruflich ist.

 

Die Kreuzigung bestand aus vier Abschnitten, die dazu beitrugen, dass die Todesqual verlängert wurde:

 

1. Dem vollständigen Entkleiden des Verurteilten und dessen öffentlicher

    Geißelung mit einer Peitsche, die oft mit Nägeln besetzt war.

 

2. Dem Tragen des Kreuzes, bzw. des Querbalkens des Kreuzes

    zum Hinrichtungsplatz.

 

3. Dem Fesseln oder Annageln seines Körpers an den Querbalken.

 

4. Dessen Befestigung an einem vorbereiteten Pfahl oder einem Baum.

 

Die Kreuzigung Christi ist zum Symbol christlicher Weltanschauung geworden. Aus diesem schmerzhaften und demütigenden Kreuzigungsgeschehen ist die Redewendung entstanden:

„Sein Kreuz auf sich nehmen“ bzw. „Sein Kreuz tragen“.

Darunter versteht man:

Jesus hat sein Kreuz in doppeltem Sinn getragen und auf sich genommen,

– er hat das Kreuz körperlich zu seiner Richtstätte getragen und

– er hat den schweren, demütigenden Weg ans Kreuz bewusst

   auf sich genommen.

 

Im Garten Gethsemane fiel Jesus nieder auf sein Angesicht und betete und sprach:

Mein Vater! Wenn es möglich ist, lass den Kelch des Leides an mir vorübergehen. Doch ich will deinen Willen tun, nicht meinen. (Mt 26,39)


Er wurde gequält, gefoltert und gedemütigt, doch er nahm es hin,
damit wir errettet werden. Menschen lästerten ihn und sprachen: 

Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! (Mt 27,39)

 

Doch er hat die himmlischen Heerscharen nicht für sich kämpfen lassen, sondern ist zuversichtlich seinen Schicksalsweg bis in den Tod gegangen.

 

In diesem Sinne hat jeder Mensch sein Kreuz, sein Päckchen, sein Bündel, seine Last, sein Unglück zu tragen und seinen oft beschwerlichen Lebensweg auf sich zu nehmen.

Er hat zu tragen, zu ertragen, was ihn belastet und sein Leiden zu erdulden. Leid, Kummer und Sorgen gehören zum Menschsein. Sie gehören zur irdischen Herausforderung, zur Verantwortung, Aufgabe, Pflicht und Reifung.

 

Doch das übersteigt unsere Kräfte.

Alleine würden wir daran zugrunde gehen. Wir können es aber ertragen, das Beste daraus machen, ja sogar meistern, mit der Hilfe Jesu und der Kraft des Heiligen Geistes.

 

Jesus sagt:

Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. (Lk 14,27)

 

Wer ein Jünger Jesu ist und sich an ihm orientiert, dem wird sein Kreuz von ihm mitgetragen, damit er ihm nachfolgen kann! Wir sind unseren Schicksalsschlägen nicht hilflos ausgeliefert. Jesus hilft uns durch. Sie sind ein Teil unseres Weges zu Gott. Gerade in schweren Zeiten wachsen wir schneller über unser selbstbezogenes, gefangenes Menschsein hinaus.

Sie sind fruchtbarer Boden, auf dem die Saat Gottes Glaubenswurzeln zieht; auf dem seine Gnade, Güte, Liebe und Vergebung uns zu treuen Nachfolgern Jesu werden lässt und wir Jesus immer ähnlicher gemacht werden.

 

Jesus Christus ist uns Halt und Orientierung. Wir wissen uns jederzeit in Gottes Hand und sehen uns jederzeit als Teil in seinem Lebensplan.

 

Wer sein Kreuz für Jesus trägt, hat ihn im Herzen. Er sich ihm hingebungsvoll hin, lebt mit ihm und ist fest mit ihm im Geist verbunden. Er trägt mit Fassung, was auf ihn zukommt, denn er weiß, dass er nicht alleine gelassen wird. Ja er ist sogar zum Sterben bereit, damit andere Leben haben.

 

Jesus sagt:

Wer sich an sein (selbstbezogenes) Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich und für Gottes rettende Botschaft einsetzt, der wird es für immer gewinnen. (Mk 8,35)

 

Als Christen und Jünger Jesu denken und sehen und hören und empfinden wir alles zunehmend stärker aus der Perspektive der Liebe. Unsere Werte und Ziele verändern sich.

Nicht mehr egoistisches Wollen und Selbstverwirklichung sind uns wichtig, sondern Gehorsam und Nachfolge und Treue im Geist Jesu. Wir entwachsen der Abhängigkeiten der Welt und von Menschen, weil wir in das Reich Gottes hineinwachsen. Wir brauchen unser Schicksal nicht mehr selbst in die Hand zu nehmen, weil wir gelernt haben, dass wir in Gottes Hand sind und er uns führt.

Er weiß, was für uns wichtig und richtig ist und er gibt uns Vertrauen, Kraft und Weisung, damit unsere Lebensaufgabe gelingt. Ohne Jesus sterben wir erst geistlich, dann seelisch und zuletzt körperlich, doch mit Jesus erhalten wir ein sinnerfülltes, ewiges Leben im Reich der grenzenlosen Liebe und in Gemeinschaft mit ihm. Mit ihm können wir auferstehen in ein neues irdisches und himmlisches Leben.

 

Unsere Zukunft beginnt mit der Entscheidung, dass Jesus der Herr in unserem Leben sein soll und wir ihm folgen wollen. Das beinhaltet bereits, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen.

 

Jesus Christus ruft uns allen zu:

Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben.  Lasst euch von mir in den Dienst nehmen, und lernt von mir! Ich komme nicht mit Gewalt und Überheblichkeit. Bei mir findet ihr, was eurem Leben Sinn und Ruhe gibt. Mir zu dienen ist keine Bürde für euch, meine Last ist leicht. (Mt 11,28-30)

 

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