In Frieden leben – geht das?

 

Hallo Du,

wohl jeder Mensch möchte gerne in einem Dauerzustand von Frieden leben – aber wir sind manchmal auch schon zufrieden, wenn sich zumindest ein innerer Frieden bei uns einstellt, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, wenn wir unsere Schwierigkeiten und Sorgen bereinigt haben, wenn sich unsere Gefühle beruhigt haben und wir wieder ausgeglichen werden, wenn wir in uns wieder Ordnung geschaffen haben.

 

Der Begriff ‚Frieden‘ ist jedoch komplexer. Er beinhaltet nicht nur den inneren Frieden, sondern:

Auch den zwischenmenschlichen Frieden, einen respektvollen Umgang miteinander, verbunden mit Zuhören, Vergebung, Konfliktfähigkeit, Empathie und einander Raum geben.

Auch den sozialen Frieden — gerechte Strukturen, faire Chancen, Schutz der Schwachen, verlässliche Regeln. Dieses Fundament dient allen.

Auch den politischen Frieden mit stabilen Institutionen, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltfreiheit, Dialog statt Machtkampf. Ohne politische Stabilität geraten Gesellschaften und Bürger ins Wanken.

Auch den kulturellen Frieden — eine Wertschätzung von Vielfalt, Offenheit für andere Lebensweisen sowie gemeinsame Werte – trotz Unterschiedlichkeit.

Auch den spirituellen Frieden — das Empfinden, getragen zu sein; Vertrauen, Sinn, Hoffnung.

Auch den ökologischen Frieden — einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. Frieden mit der Natur bedeutet langfristig auch Frieden für die Menschen.

Besonders auch Frieden mit der eigenen Geschichte — all das, was wir erlebt, entschieden, verloren, gewonnen, bereut oder geliebt haben, hat uns geformt, hat uns reifen und wachsen gelassen, war nötig und hilfreich. Wir können uns mit dem Vergangenen versöhnen, unangenehme Erfahrungen anerkennen und annehmen, von Verletzungen heilen, Widersprüche akzeptieren und die eigene Entwicklung damit würdigen.

 

Frieden ist kein Dauerzustand

Frieden ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Er entsteht im Beziehungsgeflecht zwischen mir und mir selbst, zwischen mir und anderen, zwischen Menschen und Gesellschaft, zwischen Menschen und Gott, zwischen Menschen und Natur. Je mehr diese verschiedenen Ebenen in Balance kommen, desto tragfähiger wird der empfundene Frieden.

 

Trotzdem bleibt der innere Frieden zentral

Ohne ihn ist auch der äußere Frieden gefährdet und brüchig. Unzufriedenheit führt zu innerer Anspannung, erhöht Stress, Nervosität und das unangenehme Gefühl, dass etwas im Leben nicht mehr stimmig ist. Der Körper reagiert dann mit Unruhe, schlechterem Schlaf und Gereiztheit. Negativen Denkmustern kommen (wieder) auf. Der Blick verengt sich auf die Probleme, Fehler und Mängel. Man verliert die Fähigkeit, das viele Gute wahrzunehmen.

Unzufriedenheit macht dünnhäutig. Innere Konflikte verlagern sich nach außen. Kleine Reibungen werden zu Streit, Missverständnisse häufen sich, Beziehungen leiden.

Unzufriedenheit zeigt unser unerfülltes Bedürfnis nach Ruhe, Anerkennung, Sinn, Klarheit, Zugehörigkeit oder Veränderung.

Innerer Frieden ist somit auch eine Voraussetzung für äußeren Frieden. Frieden entsteht nur dann, wenn äußere Ordnung, innere Haltung und zwischenmenschliche Verbundenheit zusammenkommen.

 

Der Mensch scheint manchmal nicht für einen dauerhaft in Frieden geeignet zu sein.

Vielleicht liegt das daran, dass unser Gehirn aufs Überleben programmiert ist, nicht aber auf Harmonie. Der Überlebensinstinkt bevorzugt in engen Situationen den Wettbewerb um Ressourcen wie Nahrung, Macht oder Partner, um die eigene Existenz oder die der eigenen Familie/Gruppe zu sichern.

Vielleicht liegt das daran, dass Menschen zur Gruppenidentität neigen. Was der eigenen Gruppe nützt, wird oft gegen „die anderen“ verteidigt. Dies führt fast zwangsläufig zu Vorurteilen und Konflikten.

Vielleicht liegt das an menschlicher Angst und Unsicherheit.  Frieden erfordert tiefes Vertrauen. Da wir jedoch die Absichten anderer nie vollständig kennen, entsteht ein Sicherheitsdilemma: Wenn eine Seite sich schützt, fühlt sich die andere zurückgewiesen oder sogar bedroht – und rüstet ebenfalls auf.

Vielleicht liegt das auch an unseren Gefühlen und unserem Ego. Menschliches Handeln wird stark von Emotionen wie Gier, Neid, Stolz oder Kränkung gesteuert. Ein verletztes Ego oder das Streben nach Anerkennung wiegen oft schwerer als die rationale Einsicht, dass Frieden vorteilhafter wäre.

Vielleicht liegt das aber auch am Wandel der Werte. Da sich Gesellschaften ständig verändern, entstehen neue Interessenskonflikte über Gerechtigkeit, Religion oder Ideologien. Was für den einen „Frieden“ bedeutet, empfindet der andere als Unterdrückung.

 

In Frieden leben – geht das?

Manchmal gelingt es – manchmal nicht. Doch wenn es manchmal gelingt, besteht die Hoffnung, dass es immer öfter gelingen könnte, z.B. wenn wir mehr Freude und Dankbarkeit empfinden, wenn wir toleranter und sanftmütiger werden, wenn wir uns friedliebender, freundlicher und geduldiger verhalten, wenn wir nachsichtiger und selbstbeherrschter sind.

 

Als Christen haben wir erlebt, dass solche Veränderungen dauerhaft möglich sind, weil wir uns selbst nicht mehr so wichtig nehmen und unsere eigenen Interessen nicht mehr in den Vordergrund stellen.

Es fällt uns trotzdem schwer, aber es wird, mit Gottes Hilfe und in seinem Geist, immer leichter. Wir sehen dann das Wesentliche, Bessere, Übergeordnete, Notwendige und Verbindende klarer und erhalten Stärke aus friedenstiftendem Verhalten.

 

 

Nur wer selbst Frieden stiftet, wird die Gerechtigkeit ernten, die dort aufgeht, wo Frieden herrscht. (Jak 3,18; HfA)

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