Altern – Wenn das Vergessen kommt
Hallo Du,
es gibt eine Traurigkeit, die sich langsam und leise einschleicht. Wir bemerken sie erst, wenn uns ein Name nicht mehr einfällt, wenn wir einen Gedanken verlieren, den wir eben noch festhalten wollten, wenn wir in ein Zimmer gehen und plötzlich nicht mehr wissen, weshalb wir dort sind, wenn wir nicht mehr wissen, welcher Tag ist oder wichtige Termine vergessen.
Ich bin traurig, weil ich spüre, dass mein Gedächtnis nicht mehr so arbeitet wie früher, weil Erinnerungen verschwimmen, weil die Kraft nachlässt und ich mehr Zeit für mich selbst brauche. Besonders deswegen, dass ich immer hilfloser werde und nichts dagegen tun kann.
Vielleicht ist gerade dieses Hineingleiten ins Unabänderliche die Herausforderung im Alter, nämlich nicht mehr ‚richtig zu funktionieren, dies zu akzeptieren und auf Unterstützung und Verständnis angewiesen zu sein‘.
Früher waren meine Gedanken verlässliche Begleiter. Namen, Termine, Erlebnisse, Zusammenhänge standen mir wie selbstverständlich zur Verfügung. Heute verliere ich mich immer mehr im Raum und in der Zeit.
Ist das eine Vorbereitung auf die Ewigkeit?
Auf jeden Fall hält das Altern für jeden viele Überraschungen bereit
Mein Gehirn arbeitet noch immer, aber langsamer und nicht mehr so zuverlässig. Informationen, die früher präsent waren, versinken. Manchmal finde ich sie wieder. Manchmal bleiben sie unerreichbar. Das ist für mich neu und deswegen unangenehm. Was mich belastet, ist nicht nur das Vergessen. Es ist auch diese überraschende Hilflosigkeit.
Bisher konnte ich Probleme lösen. Wenn es schwierig war, strengte ich mich mehr an. Trotz aller Hindernisse fand ich einen Weg.
Bei der Vergesslichkeit ist das anders.
Mich mehr anzustrengen, löst das Problem nicht mehr. Das schmerzt. Die neue, unverhoffte Vergesslichkeit berührt mein bisheriges Selbstbild.
Früher habe ich Verantwortung getragen und Entscheidungen für andere getroffen. Ich wusste Bescheid und konnte helfen. Doch plötzlich brauche ich selbst Hilfe. Andere müssen mich an etwas erinnern. Andere müssen mich tragen und ertragen.
Manchmal erkenne ich, dass mein Umfeld unter mir leidet. Angehörige verstehen meine Vergesslichkeit nicht, sind ungeduldig oder beleidigt, weil ihre Erwartungen nicht mehr erfüllt werden. Auch die Gespräche verändern sich. Bei manchen werden sie unpersönlicher, und sie ziehen sich zurück – vielleicht weil ich ihnen zur Last falle, vielleicht weil sie meine Schwäche nicht aushalten.
Das tut weh. Das macht mich traurig und auch ein wenig ratlos.
Ich spüre auch, wie sich mein Verhältnis zu mir selbst verändert. Ich werde unzufrieden, weil ich den Verlust meiner Selbstverständlichkeit, Sorglosigkeit, Sicherheit und Kraft spüre.
Ich erlebe meine Grenzen in meiner Aufnahmefähigkeit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit. Manchmal ziehe ich mich deswegen zurück.
Und doch – ich lebe noch!
Es ist, wie es ist!
Ich bin mehr als mein Gedächtnis. Mein Wert liegt nicht in Menge meines Erinnerns. Er liegt darin, dass ich bin – noch bin. In dem Wesen, zu dem ich geworden bin und noch werde. In dem Leben, das mir geschenkt wurde und das noch anhält, das mich weiterhin formt.
Geblieben ist auch: Die Fähigkeit, mich berühren zu lassen. Die Freude an freundlichen Menschen, ihrer Herzenswärme und ihrem vertrauten Wesen. Ihre Gegenwart ist wie eine aufgehende Sonne in meinem sich verdunkelnden Vergessen.
Auch meine Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit und Liebe ist noch lebendig. So wie bei jedem Menschen in jedem Alter.
Das Vergessen hat auch Vorteile. Es entlastet und befreit.
Manches sollte vergessen werden, vergeben werden und nicht mehr belasten.
Fehler machen wir alle. Sie nachzutragen ist unseres Menschseins unwürdig. Wir sind einander geschenkt. Wir haben gegeben und bekommen. Wir haben geliebt und Liebe angenommen. Wir waren und sind lebensbegleitende Partner. Das Positive zählt.
Nichts davon sollte verloren gehen. Auch wenn ich vergesse. Meine Liebe lebt hoffentlich in denen weiter, denen ich sie geben konnte, deren Liebe ich genießen durfte – in unseren Herzen.
Ich bin ein Mensch wie du. Ich habe geliebt, gearbeitet, gehofft, gelacht, geweint, gekämpft und getragen. Nichts davon wird ungeschehen, nur weil ich mich nicht mehr an jedes Detail erinnere.
Und selbst wenn ich dich irgendwann nicht mehr erkennen sollte:
Was wir gemeinsam hatten, das bleibt. Es hat uns mitgeformt. Es darf sich wiederholen. Dein Wert für mich bleibt davon unberührt. Das ist ein stiller Trost.
Nun lerne ich loszulassen, die Vergänglichkeit anzunehmen, im Werden und Vergehen aufzugehen und darauf zu vertrauen, dass wir uns wiedersehen – im Jenseits, in der Ewigkeit, Zuhause.
Vielleicht darf ich auch dir auch im Alter ein würdiges Vorbild sein.
Ich will deine Liebe niemals vergessen, denn durch sie hast du mir Glück und Gesundheit geschenkt. Ich bin dein, rette mich! (nach Ps 119, 93-94a; NLB)
