Über seinen Schatten springen

 

Hallo Du,

hast du schon einmal versucht, über deinen Schatten zu springen? Manchmal scheint genau das von uns erwartet zu werden. Aber ist das überhaupt möglich?

Diese Redewendung enthält ein Paradox. Wörtlich betrachtet kann niemand über seinen Schatten springen. Er entsteht ja gerade dadurch, dass Licht unseren Körper nicht durchdringen kann. Solange wir im Licht stehen, begleitet er uns.

Deshalb meint die Redewendung hier etwas Symbolisches:

  • etwas tun, was der eigenen Gewohnheit widerspricht,
  • eine innere Hemmschwelle überwinden,
  • einen Stolz loslassen,
  • eine Angst nicht mehr bestimmen lassen,
  • den ersten Schritt trotz Widerstands wagen.

Jemand entschuldigt sich, obwohl es ihm schwerfällt. Jemand bittet um Hilfe, obwohl er immer stark sein will. Jemand spricht einen Konflikt an, obwohl er ihn lieber vermeiden würde.

Dann sagen wir: „Er ist über seinen Schatten gesprungen.“

Doch was geschieht dabei eigentlich? Werden wir dadurch zu einem anderen Menschen?

Wahrscheinlich nicht.

Unser Wesen bleibt. Wir überwinden vielmehr eine Begrenzung innerhalb unseres bisherigen Selbst. Wir werden weiter, weil wir uns weiten lassen.

 

Was ist unser Schatten?

Mit dem Schatten sind jene Anteile in uns gemeint, die wir nicht gerne sehen, verdrängen oder vor anderen verbergen.

Sie sind nicht einfach nur schlecht. Oft sind sie aus Verletzungen, Ängsten oder unerfüllten Bedürfnissen entstanden. Werden sie bewusst wahrgenommen, können sie sich wandeln.

Beispiele dafür sind:

Stolz – Der Wunsch, über anderen zu stehen, immer Recht zu haben oder keine Schwäche zeigen zu müssen.

Neid – Das schmerzliche Vergleichen mit anderen und das Gefühl, selbst zu kurz gekommen zu sein.

Eifersucht – Die Angst, etwas Wertvolles zu verlieren, verbunden mit dem Wunsch, Menschen oder Beziehungen zu kontrollieren.

Selbstsucht – Das Kreisen um die eigenen Bedürfnisse, ohne die der anderen ausreichend wahrzunehmen.

Geltungsbedürfnis – Die Sehnsucht nach Anerkennung, Bewunderung und Bestätigung von außen.

Verborgene Wut – Nicht ausgesprochener Ärger, der sich als Bitterkeit, Kritik oder Rückzug zeigen kann.

Angst – Die Furcht vor Ablehnung, Versagen oder Kontrollverlust, die oft unser Verhalten stärker prägt, als uns bewusst ist.

Trägheit – Das Meiden von Veränderungen, notwendigem Wachstum oder Verantwortung.

Unaufrichtigkeit – Die Tendenz, eine Maske zu tragen, um besser dazustehen oder Konflikte zu vermeiden.

Machtstreben – Der Wunsch, Einfluss auszuüben, Situationen oder Menschen zu beherrschen, um sich sicher zu fühlen oder Vorteile zu haben.

Solche Schattenseiten verschwinden selten dadurch, dass wir gegen sie kämpfen.

Heilung beginnt meist dort, wo wir sie ehrlich betrachten. Was uns bewusst wird, verliert an Macht. Aus Stolz kann Demut wachsen, aus Angst Vertrauen, aus Neid Dankbarkeit und aus Wut eine klare, gesunde Kraft.

Schatten ist deshalb oft nicht das Gegenteil von Licht, sondern nur ein Teil von uns, der noch nicht genügend Licht gesehen hat.

 

Kann man einen Schatten überspringen, den man nicht kennt?

Die Schwierigkeit besteht nicht darin, über den Schatten zu springen, sondern darin, ihn zu erkennen. Er wird meist erst dann erkannt, wenn man innehält und genauer hinschaut.

Oft begegnet er uns indirekt:

  • dort, wo wir uns über andere unverhältnismäßig aufregen,
  • dort, wo wir immer wieder in dieselben Konflikte geraten,
  • dort, wo uns etwas unerklärlich Angst macht,
  • dort, wo wir besonders empfindlich reagieren,
  • dort, wo wir sagen: „So bin ich ganz bestimmt nicht!“

 

Die eigentliche Frage lautet deshalb:

„Wie lerne ich meinen Schatten kennen, ohne vor ihm davonzulaufen?“

Durch ehrliche Selbstprüfung. Durch Menschen, die uns spiegeln. Durch Krisen, die uns etwas zeigen. Durch Enttäuschungen, die etwas aufdecken. Durch das, was uns schmerzt.

Je stärker das Licht auf uns fällt, desto deutlicher wird der Schatten sichtbar.

Wer ihn bekämpft, erschöpft sich. Wer ihn betrachtet, beginnt zu verstehen. Und wer ihn annimmt, entdeckt oft, dass im Schatten ein Teil der eigenen Geschichte auf Heilung bzw. Aussöhnung wartet.

Indem wir unsere Schattenseiten kennenlernen, verlieren sie ihre verborgene Macht. Aus einem inneren Gegner kann ein weiser Lehrer werden.

 

Wie verliert der Schatten seine Macht?

Vielleicht durch Einsicht. – Einsicht hilft, weil wir erkennen, dass unsere Befürchtungen oft größer sind als die Wirklichkeit.

Vielleicht durch Erkenntnis. – Erkenntnis hilft, weil wir verstehen, dass wir nicht identisch sind mit unserer Angst, unserem Stolz oder unseren alten Mustern.

Vielleicht durch Humor. – Humor hilft oft am meisten. Wer über sich selbst lachen kann, ist häufig schon halb über seinen Schatten gesprungen. Humor lockert die starre Bindung an das eigene Ego. Wir schauen selbstkritisch in den Spiegel der Wirklichkeit. Wir müssen nicht mehr unbedingt recht haben, stark wirken oder perfekt sein.

Wir dürfen unsere Schwächen sehen und gerade darin frei werden.

Über seinen Schatten zu springen heißt deshalb nicht, den Schatten loszuwerden. Es bedeutet, sich nicht mehr von ihm beherrschen zu lassen.

 

Sich nicht zu ernst nehmen

Manche Schatten kleben an uns, weil wir uns selbst zu wichtig nehmen. Wir verfangen uns in unserer Rolle, unserer Bedeutung, unseren Meinungen, unserer Geschichte, unseren Erfolgen oder Verletzungen.

Vielleicht ist der eigentliche Sprung deshalb gar kein Sprung über den Schatten, sondern ein Sprung über die eigene Selbstbedeutung.

Sich nicht zu ernst nehmen bedeutet für mich: Sich wichtig genug zu nehmen, um verantwortlich zu leben, und leicht genug, um über sich selbst lächeln zu können.

Die Ironie ist:

Der Mensch springt hoch, erlebt einen Moment der Leichtigkeit und denkt: „Nun habe ich mich überwunden.“

Kaum steht er wieder auf dem Boden, läuft sein Schatten neben ihm her und flüstert: „Schön, dass wir beide wieder verbunden sind.“

Mittlerweile sehe ich darin etwas zutiefst Menschliches. Der Schatten bleibt eine physikalische Gegebenheit und erinnert uns mit stillem Humor an unsere Begrenztheit.

So gesehen verliert der Schatten vielleicht nicht sein Gewicht, aber seine Schwere.

 

Im Licht stehen

Der Schatten ist wohl der Preis dafür, dass wir im Licht stehen. Wer keinen Schatten haben will, müsste das Licht verlassen. Wer das Licht liebt, lernt mit seinem Schatten zu gehen.

Deshalb besteht das Ziel nicht darin, schattenlos zu werden, sondern darin, im Licht zu bleiben. Der Schatten klebt zwar manchmal an unseren Füßen, aber er muss nicht auf unserem Herzen liegen. Das Herz kann frei werden, auch wenn mancher Schatten noch mitgeht.

 

Geduld statt Kraftakt

Wir neigen dazu, das „Über-den-Schatten-Springen“ als einen mutigen Augenblick zu verstehen, als einen einmaligen Kraftakt.

Jakobus beschreibt dagegen etwas anderes. Er spricht von einem Reifungsprozess.

„Wartet geduldig, bis der Herr kommt. Muss nicht auch der Bauer mit viel Geduld abwarten, bis er die kostbare Ernte einfahren kann? Er weiß, dass die Saat dazu den Herbstregen und den Frühlingsregen braucht.“   (Jak 5,7; HfA)

Der Bauer zieht nicht an den Halmen, damit sie schneller wachsen. Er sorgt für gute Bedingungen und vertraut darauf, dass Gott wachsen lässt.

 

Manche verlieren die Schattenmacht nicht durch einen einzigen mutigen Sprung, sondern auf einem langen Weg. Durch ehrliches Hinschauen. Durch Geduld mit sich selbst. Durch Gottes Wirken.

Vielleicht meint geistliche Reife genau das:
Ich halte aus. Ich bleibe auf dem Weg. Ich vertraue darauf, dass Gott verändert, was ich selbst nicht verändern kann.

Wer im Licht lebt, wird immer auch Schatten werfen. Doch mit Gottes Hilfe müssen unsere Schatten nicht mehr über unser Leben bestimmen.

Sie verlieren nicht unbedingt ihr Gewicht – aber sie verlieren ihre Schwere.

 

 

 

(Dieser Beitrag ist im Zusammenwirken mit dem Copiloten von Microsoft entstanden.)

 

 

 

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