Wer bin ich? – Wer bleibe ich? – Wer werde ich?
Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen
in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.
(Eph 4,15)
Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme
auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen
und meinen Segen auf deine Nachkommen, dass sie wachsen
sollen wie Gras zwischen Wassern, wie die Weiden an den
Wasserbächen. (Jes 44,3-4)
Euch aber lasse der Herr wachsen und immer reicher werden
in der Liebe untereinander und zu jedermann, wie auch wir
sie zu euch haben. (1.Thess 3,12)
Nüchtern betrachtet bin ich das lebendige Ergebnis einer
leidenschaftlichen und kurzzeitigen Vereinigung
meiner Eltern.
Leidenschaftlich, damit diese Vereinigung heftig und stark war,
emotional und gefühlsbetont, hingebungsvoll, erfüllend und
begeisternd.
Kurzzeitig, weil die zeugende Vereinigung meist nicht länger
als 10 Minuten dauert aber auch, weil alles Schöne schnell
wieder zu Ende ist.
Bei allem heftigen und kaum zu beherrschenden, von innerer
Spannung erfülltem Verlangen, bei aller Begeisterung und
Inbrunst, bei aller blinden, wilden und stürmischen
Leidenschaft:
Das Leiden wird von dem Verlangen danach und besonders
durch die dauerhafte Verpflichtung und Verantwortung für
das gezeugte Ergebnis geschaffen.
Ist das zu nüchtern gesehen?
Was ist mit der umwerbenden Romantik, mit der sich im Kind
erfüllenden Liebe oder gar mit einer göttlichen Fügung und
Vorherbestimmung?
Lassen wir doch die Kirche im Dorf.
Sexualität ist vorrangig eine fleischliche Begierde.
Sie ist die lustsuchende Vereinigung von zwei gleichgesinnten
Menschen, die sich ihr egoistisches Triebverlangen gegenseitig
erfüllen.
Ich wünsche dir, dass du ein gewolltes Kind bist, dass deine
Eltern es immer wieder sehnsüchtig und selbstlos versucht
haben, bis gerade du zustande kamst. Das würde dich vielleicht
aufwerten, aber auch wenn es nicht so war, es spielt heute
keine Rolle mehr. Wie auch immer du entstanden bist:
Du bist! Und damit musst du klarkommen!
Entschuldigt diesen nüchternen und klarstellenden Einstieg,
aber ich ertrage romantisierte oder verbrämte Halbwahrheiten
und Lügen nicht mehr.
Das Leben ist auch ohne sie schon hart genug und es wird
nicht leichter, wenn wir uns gegenseitig oder uns selbst
etwas vormachen.
Ich glaube nicht mehr an sexuelle Liebe.
Der Begriff ’sexuelle Liebe‘ ist ein Widerspruch in sich.
Die Sexualität (der sich erfüllen wollende Geschlechtstrieb)
beeinflusst unsere Lebenseinstellungen, Empfindungen
und Verhaltensweisen, aber wir sind nicht von ihr
abhängig.
Sie darf die schönste Nebensache der Welt bleiben,
aber sie hat mit Liebe nichts zu tun, auch nicht, wenn wir
sie in dieser Form gerne hätten.
Liebe ist etwas ganz anderes.
Liebe ist eine selbstlose Einstellung und Haltung.
Liebe ist das, was gute Eltern für ihre Kinder empfinden
und wie sie sich ihnen gegenüber verhalten.
Ihre Liebe ist langmütig und freundlich.
Sie nimmt sich nicht wichtig und bläht sich nicht auf.
Sie ist verständnisvoll und erwartet nichts.
Sie lässt sich nicht erbittern.
Sie rechnet das Böse nicht zu.
Sie freut sich über alle enttäuschenden und erziehenden
Wahrheiten im Leben, denn sie glaubt an das Gute im
anderen und daran, dass ihm die Veränderung zum
Positiven gelingt.
Liebe ist geduldig. Wachsen und reifen braucht Zeit.
Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und,
sie duldet alles, aber sie verschweigt nichts
und kehrt nichts unter den Teppich.
Sie lebt aus der selbstlosen Wahrheit und der
fürsorgenden Verantwortung.
Sie baut auf Vertrauen und auf ein erkennendes
Annehmen und Dazulernen, auf ein gewolltes
‚Sich vervollkommnen‘.
Sie lebt aus dem ‚Vorgelebt werden‘.
Lieben bedeutet anbieten und vertrauensvolles Annehmen.
Alles Wissen und Können ist wertlos, wenn es nicht
in Liebe erworben und entwickelt wurde, wenn es nicht
liebevoll eingesetzt wird und wenn es nicht liebend
weitergegeben werden kann. Liebe entsteht aus Liebe.
Die Liebe ist bildlich gesehen der Kitt, der Menschen
zusammenhält und der dauerhafte Gemeinschaft
ermöglicht. Und die Liebe ist gleichzeitig auch der
Treibstoff, der mich zu liebender Veränderung antreibt.
Der Bezug auf die Elternliebe weist auf den Kern.
Es geht um die Einstellung der Eltern zu ihrem Kind.
Sehen sie es als gewollt, als sinngebend und als
Bereicherung ihres Seins, dann werden sie es anders
behandeln, als ein ungewolltes Kind, nämlich als
einen Störfaktor in ihrem Tagesablauf.
Ihre Einstellung zum Kind entscheidet
darüber, wie und in welche Richtung das Kind
sich entwickelt.
Auch hier möchte ich klar und deutlich sein:
Die Eltern entscheiden mit ihrer Erziehung darüber,
zu welcher Persönlichkeit das Kind reift und welchen
Charakter es haben wird! Sie tragen die erzieherische
Verantwortung.
Eine schlechte Erziehung fällt auf sie zurück.
Kinder mit einer schlechten und lieblosen Erziehung
haben es schwer im Leben. Sie wollen das Gute und tun
oft doch das Böse, weil sie nicht wissen, wie sie Gutes
tun können, weil sie nicht wissen, wie lieben geht.
Solche Kinder gehen im Leben viele Umwege, Abwege
und Irrwege.
Wenn sie Glück haben, lehrt das Leben sie mühevoll das
Versäumte. Wenn sie Pech haben, verbleiben sie in
Lieblosigkeit und Enttäuschung und sie landen in
Verbitterung und Verzweiflung.
Erwachsen werden hat einen großen Nachteil:
Man wird für sich selbst verantwortlich.
Natürlich kann man immer noch anderen die Schuld an
der eigenen Misere geben, aber im Grunde weiß jeder,
dass er seine Misere ändern könnte, wenn er es nur täte.
Da ihm keiner mehr Vorschriften machen kann, muss er
selbst entscheiden, wie es mit ihm weiter geht.
Er kann Hilfe in Anspruch nehmen oder er lässt es.
Er kann dazulernen, wachsen und sich weiterentwickeln
oder er bleibt, wo und wie er ist.
Er selbst ist seines Glückes Schmied.
Wer und wie du bist, das bestimmst du selbst.
Wer und wie du bist, das hast du selbst zu verantworten.
Wer und wie du bist und was aus dir wird,
das hängt ganz allein von dir ab.
Ich gebe gerne zu und weiß aus eigener Erfahrung,
dass es fast unmöglich ist, sich selbst aus dem Sumpf der
falschen Abhängigkeiten herauszuziehen, aber es grenzt
an Dummheit und Hochmut, Unterstützung und Hilfe
nicht zu suchen.
Wenn falsche Einstellungen und Erwartungen,
Denk- und Verhaltensweisen und Werte und Ziele mein
Leben erschweren, dann muss ich mich eben
umorientieren.
Und wenn ich von Menschen nichts annehmen kann,
weil sie (einzelne) mich immer wieder verletzt und
ausgenutzt haben, dann kann ich es vielleicht mal mit
der Weisheit der Menschheit versuchen, dem Wissens-
und Erfahrungssubstrat der Menschheitsgeschichte.
Menschen haben Katastrophen immer wieder überlebt,
weil sie lern- und anpassungsfähig waren!
Die Bibel ist ein Dokument von Menschheitserfahrungen
mit sich selbst.
Die Bibel zeigt uns die Auseinandersetzung von Menschen
in Situationen und Umständen.
Die Bibel weist uns darauf hin, dass die meisten
Schwierigkeiten in die wir geraten, von uns selbst erzeugt
wurden.
Die Bibel zeigt uns unsere Schwachstellen.
Darüber hinaus gibt sie uns auch Anhaltspunkte und
Hinweise dafür, wie unser Leben besser gelingt.
Die Bibel zeigt uns, wie Gott sich unser Leben vorstellt.
Seine Gebote sind reinigende und belebende Angebote.
Seine Verheißungen sind lohnenswerte Ziele.
Jesus ist ein akzeptierbares Vorbild.
Gott ist der Schöpfer alles Seins.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir zu Gutem
erschaffen und berufen sind und dass wir darunter leiden,
wenn wir es nicht leben und gestalten können.
Genauso überzeugt bin ich davon, dass jeder Mensch
durch Weiterbildung über seine kleinliche Begrenztheit
hinauswachsen und Jesus immer ähnlicher werden kann.
Mein Wesen hat sich in meinen Kindern und Enkelkindern
abgebildet. Meine biologische Pflicht ist erfüllt.
Und doch weiß ich, dass das noch nicht alles war.
Trotz des körperlichen Alterungsprozesses wachse ich im
geistlichen Bereich immer weiter und das erfrischt.
Es gibt noch einiges, was zu überwinden und zu bewältigen
ist und noch vieles, was mir zuteilwerden darf und was ich
gerne annehmen werde.
Es muss ja schließlich einen Grund dafür geben,
dass ich noch lebe.

