Schöne Momente und andere

 

Hallo Du,

beim nachweihnachtlichen Aufräumen fand ich einen vergessenen USB-Stick mit alten Urlaubsbilder, die ich mir natürlich gleich ansah. Dabei kamen Erinnerungen zurück, die das damalige Geschehen vergegenwärtigten. Bei einigen Bildern waren; neben dem schlichten Sehen, auch das Fühlen, Riechen und Empfinden so real und stark, als wäre der Moment gerade jetzt. Und weil das wahrscheinlich viele kennen, spüre ich diesem Phänomen einmal genauer nach.

 

Schöne Momente haben etwas Bedeutsames, etwas Erhabenes und Berührendes, etwas Eindrückliches und Ergreifendes. Sie sind besonders. Es sind Momente, in denen wir gerne verharren würden oder, die wir immer wieder erleben möchten, die uns glücklich machten und machen, die wir im Grunde ständig suchen und herbeisehnen. Sie sind sie Highlights in unserem Leben. In ihnen empfinden wir tiefe und erfüllende Freude, aus der wir Kraft schöpfen und immer wieder, im Erinnern, schöpfen können. Es sind die Momente, in denen wir Schönheit entdeckt und erkannt haben, sie bewusst wahrgenommen, aufgenommen und genossen haben. Es sind Momente, in denen wir das ‚Uns umgebende‘ annehmen, darin aufgehen und mit ihm verschmelzen. Es sind geschenkte Momente, in denen wir uns wohl und geborgen fühlen, geliebt, gesehen und bestätigt. Es sind Momente, in denen wir uns zuhause fühlen, in denen wir Gott spüren und ihm nahe sind.

Beim wiederholten Betrachten der wenigen besonderen Bilder fällt mir auf, dass sie vorwiegend Neues und Unbekanntes festgehalten haben, für das ich, in gelassener Urlaubsstimmung, offen und vorbehaltslos war, für das ich mir Zeit nehmen konnte, das mich berühren durfte und ich es genießen konnte.

Leider, zurück im Lebensalltag, eingezwängt in Pflichten und Zeitvorgaben, ausgerichtet auf erfolgreiches Bestehen im Geschehen, in Herausforderungen und an anstrengenden Tagen, wurden diese schönen Momente wieder vergessen. Sie waren wie ausgelöscht. Sie hatten ihre belebende Kraft und ihre bezaubernde Magie verloren, weil ich zurückgefallen war in die tägliche Routine, in den oft unerfreulichen Alltagstrott, der Augen, Ohren und Herz verschließen kann und abstumpfen lässt.

Ist das nicht auch innere Armut, wenn Lebensschätze und die Kraftquellen vergessen werden. Sie hatten doch eine Bedeutung. Was haben sie damals bewirkt? Was gewendet? Ich weiß es nicht mehr. Aber jetzt wird mir bewusst, was sie vermögen. Sie können auch nachträglich noch zu Wendepunkten werden. Es fällt mir auf, dass sie sogar im traurigen Corona-Jahr 2020 reichlich vorkamen und es erträglich machten. Und auch jetzt, im Schreiben, empfinde ich tiefe Freude und große Dankbarkeit dafür. Gut, dass ich diesen Stick gefunden habe. Ich werde schöne Momente nicht mehr vergessen. Ich werde sie und das Erkannte bewahren und mehr von ihnen erzählen. Und, ich werde Gott immer wieder um solche Momente bitten, für andere und für mich.

 

Eigentlich könnte ich hier aufhören, doch mir kommt die Redewendung ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘ in den Sinn, die auf eine ungetrübte, aber fragwürdige Harmonie hinweist.Und ich werde ermutigt, auch noch über die anderen Momente zu schreiben, über die weniger schönen, über die Schweren und Schlechten, über die, die man lieber verschweigt und schnell vergisst. Auch Bilder mit solchen Momenten fand ich. Sie hatte ich schnell überblättert oder wollte sie sogar löschen. Doch gerade sie hatten etwas zu sagen. Auch waren prägend. Leider zunächst negativ. Sie hatten mich damals begrenzt und trüben teilweise heute noch meine Wahrnehmung und beeinträchtigen meine Lebenskraft und Lebensfreude.

Doch: Auch sie sind geschenkte Momente Gottes! Geschenke, die auf etwas hinweisen wollten, Geschehnisse, die schmerzten aber heilen wollten. Sie anzunehmen, erfordert Mut und Vertrauen. Die Liebe Jesu ermöglicht, sie mit ihm und aus seiner Sicht zu betrachten. Weshalb wollen wir sie vergessen? Weswegen haben sie uns schmerzlich getroffen? Was hat uns verletzt? Was haben sie mit unserem Selbstverständnis und unserem Ich gemacht? Was wollten und konnten wir damals noch nicht erkennen und zulassen?

 

Ich gehe tief in mich, halte mich dabei fest an der Liebe Jesu und erspüre die versenkten Untiefen. Und, seltsam, statt erneut aufkommender, abschreckenden Angst durchströmen mich erstaunlicherweise Erkennen und Freude. Weshalb? Ich bin nicht mehr der, der ich war. Ich wurde verändert. Aus heutiger Sicht kann ich mich und meine damalige begrenzte Einsicht und Einstellungen verstehen. Sie waren durch ungünstige Umstände prägend in mich eingepflanzt und hatten mich bestimmt. Doch das ist nicht mehr so. Mir wurde ergeben. Ich habe Frieden gefunden.

 

Auch schwierige Momente sind Gottesgeschenke. Sie dienen der Selbsterkenntnis. Sie hatten mich erschüttert aber auch geschüttelt und aufgeweckt. Sie hatten mich verunsichert und nachdenklich gemacht. Doch, sie haben nachträglich auch Gutes bewirkt. Gerade sie, haben mich verändert. Sie wurden mir zu Wegweisern auf der Lebensreise, zu Meilensteinen hin zu Gott, zu Türöffnern hinein sein Reich der Liebe und Vergebung.

Ja, auf diesem Weg geschieht Rettung und Heilung. Errettung aus falschen Ansichten und Bindungen sowie Heilung durch Erkenntnis, Liebe und Vergebung, auch durch göttliche Reinigung und Neuausrichtung. Blinde werden sehend und Taube hören plötzlich auf Gott. Gott sei Dank. Ich habe mich vertrauensvoll führen lassen und dabei gelernt, dass er das scheinbar Schlechte zum Guten wendet. In dieser Erkenntnis schrieb ich einst, in schwerer Zeit, das Gedicht: Krise komm, du bitt‘re Qual.

 

Gut, dass es schöne und schlechte Momente gibt. Die Schönen zeigen, was alles Gott möglich ist. Sie schenken Kraft, Hoffnung und Zuversicht. Sie vertiefen die Bindung an Gott und ermutigen dazu, den Weg der Offenheit mit ihm weiterzugehen und noch mehr von Jesus zu lernen. Die Schweren geben Gott die Möglichkeit sich in unserem Leben zu zeigen und uns beizustehen. Und sie geben uns die Möglichkeit, Mängel zu erkennen und um Bestand und Kraft zur Änderung zu bitten.

 

Mir ist bewusst, dass die, die Gottes Liebe nie bewusst erlebt haben, das Beschriebenenicht verstehen können, (das konnte ich früher auch nicht), aber das sollte kein Hinderungsgrund sein, darüber nachzudenken und vielleicht auch einmal in der Bibel und im Neuen Testament nachzulesen, was Gott vermag, wie Jesus zu uns steht und um was wir vertrauensvoll bitten können. Nur er wagt, gewinnt. Eure schönen und weniger schönen Momente mögen sie dazu ermutigen.

 

Übrigens: Die nichtssagenden Touristenbilder habe ich gelöscht. Die Besonderen, die Berührenden, Eindrücklichen und Stärkenden habe ich behalten. Ich werde sie nun häufiger betrachten.

 

 Gottes Reich kann man vergleichen mit einem Bauern und der Saat, die er auf sein Feld gesät hat. Nach getaner Arbeit legt er sich schlafen, steht wieder auf, und das tagaus, tagein. Währenddessen wächst die Saat ohne sein Zutun heran. Ganz von selbst lässt die Erde die Frucht aufgehen: Zuerst kommt der Halm, dann die Ähre und schließlich als Frucht die Körner. (Mk 4, 26 -28; HfA)

 

 

 

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