Lebensspuren
Hallo Du,
ich gehe gerne barfuß am Meer spazieren, besonders in dem Bereich, wo der Sand schön weich ist und jeder Schritt Spuren hinterlässt. Das empfinde ich als angenehm, anregend und meditativ.
Dabei werde ich kreativ. Ich gestalte meine Spuren. Ich hickle auf einem Bein, gehe seitwärts, rückwärts, mache kleine und große Schritte, laufe im Handstand oder male mit den Füßen, Händen oder einem Stock Formen und Bilder, ‚Kunstwerke‘, in den Sand. Das macht mir Spaß, daran habe dabei meine Freude, darin kann ich völlig aufgehen. Leider ist diese ‚Kunst‘ vergänglich. Jede Welle spült das ‚Kunstwerk‘ weg und hinterlässt eine bereinigte Gestaltungsfläche.
Manchmal wünsche ich mir, dass ein besonders gelungenes ‚Werk‘ etwas länger besteht, damit es andere erfreuen kann. Doch es ist auch gut und richtig, damit andere ‚Künstler‘ eine saubere Malfläche vorfinden und ihrer Kreativität freien Lauf lassen können.
Auch im Leben hinterlasse ich hinterlassen wir Spuren, die immer wieder überdeckt, gelöscht oder vergessen werden bzw., die niemanden interessieren. Das ist normal. So ist das Leben.
Das hindert mich aber nicht daran, immer wieder neue Spuren zu hinterlassen, neue Wege zu gehen, neue Formen zu finden, mich und mein Leben neu zu gestalten.
Ich denke, fühle, empfinde, hoffe, liebe und forme. Das genießen ich. Damit zeige ich meine Lebensfreude und manchmal auch meine Trauer.
Mir fällt auf, dass ich selbst ein von Gott geformtes und belebtes Kunstwerk bin, dass er mein Leben gestaltet und dass er in meinem Glauben Spuren hinterlässt, denen ich folge, die mich entwickeln.
Alle Menschen hinterlassen Spuren. Viele bleiben unbemerkt. Manche haben Bestand. Sei es im Bereich von Musik, Literatur, Malerei oder Architektur. Seien es Ideen, Entdeckungen oder Erfindungen die das Weltbild neu formten. Seien es Erkenntnis- und Wissensfortschritte, die das Denken vieler beeinflussen oder seien es unsere Kinder, Kindeskinder und Nachfahren, die Anteile unserer Gene weitertragen. Sie formen die Zukunft.
Und manchmal sind es gerade die kleinen und unscheinbaren Spuren, die uns und anderen am meisten bedeuten: ein Lächeln, ein Blick, ein stiller Moment der Verbundenheit.
Das Leben ist ein Werden und Vergehen, ein Neuanfangen, Wiederholen, Anpassen oder Weiterentwickeln. Auf jeden Fall ist es ein ständiger Anreiz, eigene Spuren zu legen und uns nicht unterkriegen zu lassen.
HERR, dein Weg führte mitten durch das Meer, deine Schritte gingen durch Wassertiefen, doch deine Spuren konnte niemand sehen. (Ps 77,20; GNB)
