Geist und Hände formen einander

 

Hallo Du,

unsere Hände sind ein Wunderwerk der Schöpfung. Sie sind viel mehr als Werkzeuge. Wir machen uns selten Gedanken darüber, was sie können und vermögen. Die Meisten wissen nicht, dass sie sich auch gegenseitig formen und miteinander reifen.

Ich habe gelernt, dass ein Schiff nur dann durch das kleine Ruder gelenkt werden kann, wenn es fährt, wenn es sich bewegt. Wenn unsere Hände sich regen, wenn wir uns bewegen, dann nimmt unser Schiff, unser Leben, Fahrt auf und dann können der Geist, der Verstand und die Kreativität uns zum Ziel lenken. 

Ähnlich ist es mit der täglichen Fitnessbewegung. Es ist schwer, sich zu dazu zu überwinden und mit den ersten Schritten zu beginnen. Doch wenn man dann läuft, wird das Laufen leichter und das Erlebnis immer schöner.

 

Diesem Phänomen will ich heute genauer nachgehen.

 

Meine These ist:

Was der Geist denkt, wird durch die Hände sichtbar. Und was die Hände tun, formt den Geist. Sie formen und ergänzen sich einander.

Es gibt einen stillen Kreislauf in uns, den wir oft übersehen: Der Geist leitet die Hände — und die Hände formen den Geist.

Bevor wir handeln, entsteht in uns ein Bild, eine Vorstellung, eine Absicht, der Ansatz eines Wollens. Der Geist sagt: Ich möchte erleben, ich möchte handeln und anderen begegnen.

Sobald wir angefangen haben zu handeln, geschieht etwas Überraschendes: Das Tun beginnt auf uns zurückzuwirken. Eine ruhige Bewegung beruhigt. Eine ordnende Geste ordnet. Ein stilles Gebet stillt. Eine liebevolle Berührung öffnet das Herz — nicht nur beim Anderen, sondern auch in uns selbst!

So entsteht ein Wirkkreis: Was innen beginnt, wird außen sichtbar. Was außen geschieht, verändert das Innere.

Das ist auch ein Hinweis, nicht nur zu denken, sondern dann auch mit zunächst kleinen Handlungen zu beginnen, die den Geist wecken und klären. Vielleicht eine Hand, die etwas sortiert. Eine Hand, die etwas repariert. Eine Hand, die jemandem gereicht wird. Eine Hand, die zur Ruhe kommt. – Denn manchmal findet der Geist erst dann Frieden, wenn die Hände begonnen haben, den Frieden zu formen.

Das ‚Regen‘ der Hände ist der entscheidende Punkt, damit Rückkopplung beginnt und sich gegenseitig mit dem Geist verstärkt. Deswegen frage ich ganz grundsätzlich und bildhaft:

 

Was können unsere Hände?

Hände können halten, einen Gegenstand, einen Menschen, eine Situation oder sich selbst. Sie tun das im Hier und Jetzt, im wirklich da sein. Sie können nur halten, was sie auch berühren.— dann nämlich bündelt sich unsere Wahrnehmung. Wir konzentrieren uns darauf – geistig und körperlich. Die Gedanken hören auf zu wandern. Unser Halten wird zu einem Anker in der Gegenwart.

Etwas zu halten bedeutet auch, eine Beziehung damit einzugehen: „Ich wende mich dir zu“. Wenn wir einen Menschen halten, entsteht Verbindung. Wenn wir eine Aufgabe eingehen, entsteht Verantwortung. Wenn wir eine Situation halten, entsteht Klarheit.

Halten ist nicht Festhalten, es bedeutet nicht klammern, kontrollieren oder fixieren, sondern es meint: Ich trage das, was jetzt da ist. – Ich bleibe bei dem, was ist. -Ich weiche nicht zurück. Halten, ist eine Form von innerer Standhaftigkeit.

Halten ist auch eine stille Form von Liebe. Eine Hand, die hält, zeigt ohne Worte: „Du bist mir wichtig.“ „Ich bleibe bei dir.“ „Ich lasse dich nicht fallen.“ Halten ist ein stilles, körperliches Ja zu Jemandem.

 

Hände können loslassen, bspw. Lasten, Erwartungen, Kontrolle oder das, was nicht mehr trägt. Loslassen ist eine Form von Befreiung.

 

Hände können gestalten, bspw. etwas bauen, reparieren, ordnen oder erschaffen. Gestalten ist eine Form von ‚Hoffnung wirklich werden lassen‘.

 

Hände können Gefühle ausdrücken: bspw.

durch Zärtlichkeit, durch sanfte Berührung, durch Streicheln oder ein vorsichtiges Halten.
durch Stärke oder Entschlossenheit, durch eine feste Hand, einen kraftvollen Griff, einen entschlossenen Handschlag, was Mut und Wille zeigt.
durch Verletzlichkeit, durch zitternde Finger, eine suchende Hand, einen Griff, der Halt braucht — das zeigt Angst, Trauer oder Unsicherheit.
durch Vertrauen, indem sie Ihre Hand in andere legen, sich öffnen und damit sagen. ‚Ich lasse mich halten.‘
durch Frieden, durch eine offene und entgegengestreckte Hand – als Einladung, als ein Zeichen von Bereitschaft und Friedfertigkeit.

 

Hände können segnen, bspw. durch Berührung, durch Gesten, durch das, was sie tun und durch das, was sie lassen. Segnen ist eine Form von Liebe.

 

Hände können ohne Worte sprechen, bspw. von Zärtlichkeit, von Müdigkeit, von Stärke oder von Verletzlichkeit. Dann sind sie eine Sprache des Herzens.

 

Hände können entscheiden, bspw. durch aufgreifen oder nicht greifen, durch helfen oder wegsehen, durch schützen oder verletzen. Sie zeigen, was im Inneren lebt.

 

Hände können verwandeln, bspw. verändern sie die Welt – und die Welt verändert uns im Gegenzug entsprechend zurück.

 

Hände können sehen, weil sie wahrnehmen. Wenn eine Hand tastet, entsteht im Kopf ein Bild: von Form, von Struktur, von Wärme, von Wahrheit. Der Geist sieht durch das ertastete Empfinden. Ein Blinder ertastet ein Gesicht und erkennt mehr, als ein Sehender manchmal wahrnimmt. Ein Kind greift nach der Hand des Vaters und weiß sofort, dass es damit sicher ist. Ein Mensch berührt ein wirklich altes Buch und spürt die Erhabenheit darin.

 

Hände können hören, manchmal feiner als die Ohren. Wenn die Hand eine Oberfläche berührt, nimmt sie Vibrationen wahr: den Herzschlag eines anderen, das Zittern einer Stimme, die Spannung eines Moments, die Stille eines Raumes.

Hände hören, was Worte nicht sagen, bspw. die Unruhe unter der Haut, die Müdigkeit in einem Griff, die Freude in einer Umarmung oder die Verletzlichkeit in einer zitternden Geste. Sie nehmen Schwingungen auf und der Geist übersetzt sie in Bedeutung. Ein Musiker spürt den Klang im Holz seines Instruments. Ein Handwerker spürt die Tauglichkeit eines Materials. Ein Seelsorger spürt durch Berührung, was im Inneren eines Menschen schwingt.

 

Hände können heilen, nicht weil sie magisch wären, sondern weil sie etwas tun, was Worte allein nicht können. Sie berühren.

Sie heilen durch Nähe und warme, achtsame Berührung, die das Nervensystem beruhigt, die Stress senkt, die Vertrauen weckt und Schmerz lindert.

Sie heilen durch Zuwendung. Die gehaltene Hand spürt: Ich bin nicht allein.

Sie heilen durch Tun. Sie verbinden Wunden, pflegen, trösten, stützen, kochen eine Suppe, räumen Chaos weg, schaffen Ordnung, bauen etwas wieder auf.

Sie heilen durch ‚Sich falten‘ und im Geist zu bitten und zu beten.

Die Hände erspüren mit ihren Nerven und schenken dem Geist ein ‚Wissen‘, das kein Wort erklären kann. Damit sind sie eine Brücke zwischen Welt und Geist.

Die Hände verraten, was das Herz bewegt – ehrlich, unmittelbar, unverstellt.

Die Hände sehen, was die Augen übersehen, bspw. die Rauheit eines Lebens, die Wärme eines Herzens, die Zerbrechlichkeit eines Moments oder die Tiefe einer Begegnung.

 

Mir hat früher einmal eine Frau gesagt, ich hätte schöne Hände. Leider hat sie nicht gesagt, was sie damit meinte. Für mich waren und sind sie einfach normal. Aber vielleicht hat sie ja tiefer gesehen und gewusst:

Was der Geist denkt, wird durch die Hände sichtbar. Und was die Hände tun, formt den Geist. Sie formen einander.

Vielleicht kannte sie den stillen Kreislauf in uns, der oft übersehen wird: Der Geist leitet die Hände — und die Hände formen den Geist.

Bevor wir handeln, entsteht zunächst in uns ein Bild, eine Vorstellung, eine Absicht, der Beginn eines Wollens. Uns der Geist sagt: Ich möchte das erkunden, ich möchte erleben, handeln und begegnen. Was die Hände berühren, wird im Inneren lebendig.

Und sobald wir angefangen haben zu handeln, geschieht etwas Überraschendes: Das Tun beginnt auf uns zurückzuwirken. Eine ruhige Bewegung beruhigt. Eine ordnende Geste ordnet. Ein Aufatmen befreit. Eine liebevolle Berührung öffnet das Herz — nicht nur beim anderen, sondern auch in uns selbst!

So entsteht ein Wirkkreis: Was innen beginnt, wird außen sichtbar. Was außen geschieht, verändert das Innere.

Das ist ein Hinweis dafür, nicht nur zu denken, sondern auch etwas zu tun, zunächst mit kleinen Handlungen, die den Geist wecken und klären und die nach und nach mutiger und effektiver werden.

Vielleicht eine Hand, die etwas sortiert. Eine Hand, die etwas repariert. Eine Hand, die jemandem gereicht wird. Eine Hand, die zur Ruhe kommt. Eine Hand, die Berge versetzt.

Manchmal findet der Geist erst dann Frieden, wenn die Hände begonnen haben, diesen Frieden zu formen.

 

 

Gott spricht: „Hat meine Hand nicht das ganze Weltall erschaffen?“  (Apg 7,50 NGÜ)

 

„Der HERR gebe dir Gelingen bei allem Werk deiner Hände.“ (5. Mose 28,12; L)

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