Der Buchwurm
Zwei alte Schulfreunde treffen sich nach vierzig Jahren
zufällig auf der Buchmesse. Nach erfreuter Begrüßung
und anschließendem nostalgischen Smalltalk sagte der
schon immer Gescheitere zum andern: „Ich wusste ja gar
nicht, dass du dich für Bücher interessierst.
Welche Bücher interessiert dich denn?“
„Ach, ich interessiere mich für Menschen, Biografien und
Lebenswege, für Philosophie, Theologie und Religion, für
Geschichte und Geschichten, für Gott und die Welt.
Ich bin zu einem richtigen Buchwurm geworden.“
„Du meinst Bücherwurm!“ – Auch ich lese viel,
hauptsächlich Romane mit einem Happy End.
Ich fresse mich durch die Bücher, von der ersten bis
zur letzten Seite und wenn ich durch die 3 cm durch
bin, brauche ich schon wieder ein Neues.“
“ Nein, ich meine Buchwurm. Ich lese immer wieder
im gleichen Buch.“
„Ist das nicht langweilig?“
„Nein. Ich entdecke immer wieder Neues. Ich fische
in dem Buch. Ich ziehe mein Netz durch die Buchstaben,
Worte, Sätze, Abschnitte, Kapitel und Seiten.
Ich lese das, was in und zwischen den Zeilen steht.
Ich ergründe den Sinn und die Hintergründe, den Geist
im Geschriebenen und ich schaue, ob das etwas mit mir
zu tun hat.“
„Mir wäre das zu anstrengend. Ich hätte dabei keine
Freude und keinen Genuss. Ich brauche Abwechslung,
also Handlung, Gefühle, Träume und Leidenschaft.“
„Aber genau das habe ich doch um so stärker, je
intensiver ich lese und mitgehe, mich mit den Geschichten
und Geschehnissen auseinandersetze.“
„Welches Buch liest du denn?“
„Die Bibel.“
“ Na ja, ich weiß nicht?!“
„Doch, die ist ungeheuer spannend. Meine Bibel hat über
2371 Seiten. Die meisten Seiten haben 60 Zeile und
59 Zwischenzeilen. In den Zeilen sind bis 15 Worte und
in denen bis zu 75 Buchstaben, dazu kommen noch
Kommata, Gedankenstriche, Punkte, Doppelpunkte,
Fragezeichen, Ausrufungszeichen, etc..
Und die haben auch alle einen Sinn. Das sind Millionen
von Anregungen. Da gibt es viel zu entdecken.
Ich fresse mich durch jedes Wort, durch jede Zeile
und Seite. Das sind etliche Kilometer Lebensweg,
die mich nähren.
Das sind viele Minuten, Stunden und Tage und Jahre
des Genießens, des Erforschens, des Besinnens und
Ergründens, des Eintauchens und Miterlebens, des
Hörens, Sehens, Lernens und Verstehens, des Erkennens
und sich Veränderns, des ermutigt, aufgebaut und
getröstet Werdens.“
„Und wozu das?“
Weil es mich berührt, weil es mich anspricht und mir
gut tut. Ich finde darin Liebe, Lebenserfahrung, Verständnis
und Weisheit, Ruhe und Heimat, Geborgenheit und Beistand,
Begleitung und Befreiung, Wachstum und Sicherheit
und noch manches mehr.“
„Das brauche ich nicht! Das hat man doch einfach und
wenn nicht, dann braucht man es auch nicht.“
„Wenn du meinst. Aber warum liest du dann so viele
Bücher mit erfundenen Scheinwelten?“

