Auf dem falschen Dampfer
„Heute Nacht habe ich schlecht geträumt.
Ich war spazieren und es fing
an zu regnen. So ein Mist. Ich hatte keinen Regenschirm. Also eile ich
zurück nachhause. Mist. Jemand hat mir die Hauswand vollgesprüht.
Ich lese: „Du hast einen Vogel!“
Nein, habe ich nicht! Mein Sohn hatte mal einen Wellensittich, der hatte
viel Dreck gemacht.
Ich fühle mich mies, müde, verwirrt und genervt. Es ist schon hell. Schlaf-
trunken setze ich mich auf, um ins Bad zu gehen. Mein linker Fuß berührt
den Boden zuerst. Mist! Ich verspüre ein inneres Ziehen. Na, das kann ja
heiter werden.
Ganz vorsichtig wanke ich ins Bad, stoße mir unterwegs an der Tür ein Knie
an (Mist!) und brauche so, statt normalerweise 11 Schritten, heute 13. Mist!
Ich schaue in den Spiegel, ob ich einen Vogel sehe, sehe aber hauptsächlich
ein paar alte Flecken von Wasser, Seife und Zahnpasta. Dazwischen keinen
komischen Vogel, nur mich. Ich will die unschönen Tupfer vom Spiegelglas
entfernen und greife zur Schublade, um ein Tuch herauszuholen und –
verstauche mir dabei einen Finger. Mist!
Ich wische damit fest über den Spiegel, aber die Spritzer bleiben. Mist. Ich
reibe fester und verstauche mir dabei das Handgelenk. Mist. Nun putze ich
mir mit meiner tollen Elektrozahnbürste die Zähne. Und plötzlich ist der Akku
leer. Mist. Dann wasche ich mich und Seifenlauge läuft mir ins Auge. Ich taste
nach dem Handtuch. Dabei stoße ich den Zahnputzbecher um. Mist. Doch nicht,
er ist zum Glück aus Plastik. Oh doch, er fällt auf den Boden. Mist!! Wo ist das
Handtuch? Ich fasse es, trockne das Gesicht ab, wässere die Augen und kann
endlich wieder sehen. Alles ist nass. Der Boden ist glatt. So ein Mist.
Nun hole ich aus einem Unterschrank den Putzlappen und stoße mir dabei am
Waschbecken den Kopf an. Mist. Benommen gehe ich auf die Knie. Wische mit
der rechten Hand das Wasser auf und halte die linke Hand abwehrend über
mich, damit mir nicht auch noch der Himmel auf den Kopf fällt.
Endlich geschafft. Langsam und vorsichtig krabble ich auf allen Vieren zurück ins
Schlafzimmer, mache einen Bogen um die blöde Tür und ziehe mir enttäuscht
die Jesus-Latschen von den Füßen. Die haben mir auch nicht geholfen. Langsam,
niedergeschlagen und deprimiert, verkrieche ich mich unter die Decke zurück ins
Bett. Mist, es ist kalt geworden. Mal wieder kein guter Tag. Mir fällt ein: Heute ist
ja der 13. Mai. Kein Wunder. Das Joggen verschieb ich lieber auf Morgen. Kann
es noch schlimmer kommen?
Oh ja. Mist!!! Morgen ist Muttertag. Muttern besuchen, freundlich tun,
lächeln, Gerede, gedrückt und abgeküsst werden. Besser, ich geh nicht hin.
Bleibe wieder im Bett, denn, wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt!
Natürlich kann ich nicht schlafen. Die beschmierte Wand geht mir nicht aus
dem Kopf. Was will der Traum mir zeigen?
Um mich abzulenken, greife ich zum ungelesenen Leihbuch neben mir. Es
hat den auffordernden Titel: Symplify your life – Vereinfache dein Leben. Ich
schlage es irgendwo auf und lese überrascht: „Reg dich nicht auf!“ ‚Na du
hast gut reden.‘
Ein Zettel fällt aus dem Buch. Auf der einen Seite steht in schönster Handschrift:
Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn
das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. (1.Thess 5,16-18)
Ha! Ha! Allezeit fröhlich?
Auf der Rückseite steht:
Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches
Fest. Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz
bekümmert ist, entfällt auch der Mut.
Also gut, am Montag werde ich fröhlich zur Arbeit gehen, fleißig sein und
gute Werke tun. Ich werde meinen immer schlecht gelaunten Kollegen
Fischer freundlich begrüßen. Ich werde Frau Müller diesmal nicht aus dem
Weg gehen, dem Chef ein Kompliment machen und freiwillig für alle Kaffee
kochen. Ich werde einen Tag lang nicht über andere lästern und wieder mal
großzügig über meine Mängel hinwegsehen. Und, ich verspreche hoch und
heilig: An Pfingsten gehe ich vielleicht mal wieder in die Kirche. Und heute
sage ich nicht mehr ‚Mist‘.
Ich bin gespannt, was jetzt passiert. Vielleicht reißt ja meine Pechsträhne.
Vielleicht kann ich so das Schicksal erweichen.
Ich muss zur Toilette. Auf dem stillen Örtchen erkenne ich dann: So kann
es nicht weitergehen! Mein Leben ist keins. Es kommt mir vor, als würde
ich jeden Tag ein bisschen mehr sterben, als würde ich nach und nach dem
Leben absterben. So ein M…! Ohne Liebe ist halt alles nichts!
Zurück am Arbeitsplatz, finde ich ein Memo von Christel. Sie schreibt mir:
Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HERRN Werke verkündigen.
Der HERR züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
(Ps 118,17-18)
Ja, ja, die Christel. Sie hat eine ganz andere Lebenseinstellung. Sie sieht
immer alles positiv. Sie hält alles für bedeutsam, für helfende Hinweise.
Sie ist eben eine liebenswürdige und einfühlsame Kollegin. Weshalb nur,
denkt sie so viel an andere?
Bestimmen vielleicht mein Denken und meine Lebenseinstellung
mein Leben?“
Wenn ihr euer Leben von eurer eigenen Natur bestimmen lasst,
müsst ihr sterben. Doch wenn ihr in der Kraft von Gottes Geist die
alten Verhaltensweisen tötet, werdet ihr leben. (Röm 8,13)

