Andere ans Kreuz nageln
Hallo Du,
die Römer waren zur Zeit Jesu im Mittelmeerraum eine beherrschende Staatsmacht. Sie unterdrückten andere Völker mit roher Gewalt, verbreiteten Angst und Schrecken und pressten Tribut, zu hohe Steuern, aus den besiegten Ländern, um ihr ausschweifendes Leben zu finanzieren und um ihre Macht zu erhalten.
Ob die unterworfenen Völker dabei zugrunde gingen, interessierte sie nicht. Proteste wurden blutig niedergeschlagen und zur Abschreckung wurden öffentlich und weithin sichtbar, viele Freiheitskämpfer und andere unliebsame Personen brutal und grausam ans Kreuz genagelt und so zu Tode gefoltert. Einige Straßen sollen von Kreuzen und Leichnamen gesäumt worden sein.
Zur Kreuzigung benutzten die Soldaten drei große, kräftige Nägel, die im Liegen eingeschlagen wurden. Jeweils einer wurde zwischen Elle und Speiche am rechten und linken Unterarm über dem Handwurzelknochen eingeschlagen, damit das gesamte Körpergewicht daran hängen konnte und der dritte Nagel wurde bei leicht angewinkelten Beinen durch beide Füße getrieben, damit der Gekreuzigte sich unter Scherzen mit den Beinen daran abstemmen konnte, um den Schmerz in den Armen zu lindern und um die Atmung zu erleichtern. Dadurch wurde der Tod verzögert und das Leiden verlängert.
Als dann die Kraft in den Beinen schwand, hing der Körper nur noch an den Armen. Dabei wurde der Brustkorb eingeengt und der Gekreuzigte erstickte allmählich. So geschah es auch mit Jesus. Er starb schnell, weil er sich nicht gegen den Tod auflehnte.
Interessanterweise ist die römisch-katholische Kirche im Mittelalter mit der Inquisition und Hexenverbrennung diesen abscheulichen Weg weitergegangen. Willkürlich Beschuldigte, Querulanten und Unliebsame wurden isoliert und eingesperrt und so lange gefoltert, bis sie entweder starben oder wegen der unerträglichen Qualen und Schmerzen zugaben, was die Folterer hören wollten. Die Kirche versuchte das mit der Behauptung zu legitimieren, dass es ihr nur um das Seelenheil der Irrgläubigen ging.
In Wirklichkeit aber fühlte sie sich in ihren Absolutheitsanspruch und in ihrer Unfehlbarkeit bedroht und sie wollte durch Angst und Schrecken die Reinheit und Unanfechtbarkeit der Kirchenführer und des kirchlichen Denkens durchsetzen. Sie wollte schlicht immer Recht haben. Dabei ging es gar nicht so sehr gegen Hexen und Hexer, gegen Subjekte, die sich angeblich mit dem Teufel verbündet hatten, die waren für das Volk nur der Vorwand, sondern um sogenannte Häretiker, um katholisch getaufte Glaubensabweichler, um Abweichler von den Doktrinen, Festlegungen, der Kirchenführung. Jeder, der jemanden kannte, dessen Glauben römisch-katholisch nicht rein erschien, sollte denunziert werden und er wurde es dann auch. So räumten sich die Denunzianten unliebsame Nachbarn oder geschäftliche Widersacher aus dem Weg und die Kirche Kritiker und Geschäftsleute, auch um an ihr Vermögen zu kommen.
Am Anfang stand die anschuldigende Behauptung. Der folgte dann Polemik, eine scharfe, aggressive und gehässige, oft unsachliche Auseinandersetzung in Scheinprozessen, um die Behauptungen zu vertiefen. Begleitet wurde das mit unmenschlicher Folter, mit Ausgrenzung, Diffamierung und Rufmord. Diese armen Menschen wurden als personifizierte Teufel dargestellt, die andere ins Unheil reißen wollten.
Das alles sollte angeblich zum Wohle des Volkes sein. Jeder sollte darüber froh sein, dass die Kirche ihn von einem solch unausstehlichen, unbelehrbaren, gefährlichen, widerspenstigen, verdorbenen und charakterlosen Menschen befreit hatte. Bei Nichtgestehen der anschuldigenden Behauptungen war die kirchliche Mindeststrafe die Exkommunikation. Die Kirche verfügte deren Trennung von Gott und die Nichtteilhabe an der Erlösung durch Jesus Christus. Dazu kam oft noch der Einzug allen Eigentums. Sofern sie diese Prozedur überlebten, waren sie arm und vogelfrei, ausgestoßen und gebrandmarkt, jeder Willkür ausgeliefert. Jeder mied sie.
Diese perfiden Folter- und Tötungsmethoden wurde seither verfeinert und perfektioniert. Sie sind fast schon salonfähig geworden. Nicht mehr nur Gruppen oder Institutionen wenden sie an. Denunziation und Intrigantentum, verbunden mit Entrüstung und Selbstgerechtigkeit, sind in der heutigen Wettbewerbs- und Ellbogengesellschaft an der Tagesordnung. Wer andere in ihrem Empfinden stört und wer sich nicht nach der Mehrheit oder den Bestimmenden richtet, wird so lange gemobbt, bis er/sie aufgibt und verschwinden. Und das hat kein Ende. Ist der Eine abserviert, folgt der Nächste.
Es wird heute nicht mehr rein körperlich gefoltert und getötet, sondern psychisch, denn das wird noch nicht bestraft. Der Rufmord, die gezielte Schädigung des Ansehens einer Person durch Verleumdung, üble Nachrede oder Unterstellung schädigt nachhaltig den Leumund, die Würde und die Akzeptanz der betroffenen Menschen. Durch viele kleine Nägel wie Sticheleien, Beschuldigungen, Verdrehungen oder abwertende Bemerkungen werden die Ahnungslosen ans Kreuz genagelt, werden ihnen Würde und Ehre genommen. Und die Betroffenen merken es erst, wenn die Entrüstungslawine gegen sie nicht mehr zu stoppen ist. Sie werden hinterlistig, arglistig und heimtückisch erledigt und es ist nicht genau nachzuweisen, wer damit begonnen und wer es mit betrieben hat.
So handeln Feiglinge, die Böses tun und dabei nicht erkannt werden wollen; die eine Hetzkampagne schüren, aber unschuldig tun können; die das bei jedem anderen, der ihnen nicht passt, ungestraft wiederholen wollen. Ich weiß nicht, ob die Römer Hunderte oder Tausende kreuzigten, aber ich weiß, dass heute Menschen millionenfach beschuldigt, entehrt, entwürdigt, gepeinigt und ans Kreuz genagelt und damit in ihrer Entfaltung erstickt werden, im Beruf, in den Kirchen und Gemeinden und in den Familien.
Wenn wir ganz ehrlich sind, sind auch wir nicht immer frei davon. Wir alle nageln andere immer wieder ans Kreuz unserer Gier, Eitelkeit, Selbstherrlichkeit und Gemeinheit. Und weil wir uns im Recht fühlen oder weil wir uns besser als andere vorkommen, tun wir es immer wieder. Da hilft es, die Perspektive zu verändern und wie von außen auf dieses Treiben zu schauen. Und dann sehen wir auch uns als Übertäter oder als Opfer und uns wird deutlich, dass jeder Mensch ein Anrecht auf seinen individuellen Lebensweg hat, der ist bei keinem nur gerade und gut ist. Es geht darum, dass jeder und jede seinen Weg gehen darf, ja sogar gehen muss, um darauf die für ihn selbst nötige Erkenntnis zu finden. Und da jeder eigen ist, am meisten wir selbst, deshalb dürfen es andere auch sein.
Wir sollten sie gehen lassen und uns für Hilfe zur Verfügung halten, wenn sie die wünschen.
Im Lassen zeigen wir unsere Achtung und Liebe. Das ist keine Gleichgültigkeit, sondern ernst nehmen. Und wenn sie falsche Wege gehen sollten, sind sie keine Gefahr für uns, sondern sie geben uns Hinweise. Sie nehmen uns nichts weg, sondern sie ergänzen unserer Sicht. Durch sie erkennen wir uns selbst besser. Sie schaden uns nicht, sondern wir brauchen sie gerade weil sie eigen sind. Wer soll uns Liebe und Güte und Verständnis und Freundlichkeit geben, wenn wir alle andere schlecht machen? An wem sonst können wir unsere eigene Schlechtigkeit erkennen? Diese Übertäter versündigen sich gegen sich selbst. Sie entehren ihre eigene Liebe und Mitmenschlichkeit, ihren Anstand und ihre Selbstachtung.
Nicht umsonst gibt es die christlichen zehn Gebote, die Hinweise und Angebote zur Selbstprüfung.
Das Vierte heißt: Du sollst nicht töten und dass bedeutet nicht nur, andere nicht umbringen, nicht mundtot zu machen, sie zu Rufmorden oder ihnen leiblich keinen Schaden zufügen. Vielmehr sollen wir anderen helfen und beistehen, weil auch wir sie irgendwann einmal brauchen.
Das siebte Gebot heißt: Du sollst nicht stehlen und das bedeutet nicht nur, anderen nichts wegzunehmen, sondern auch, sie nicht zu betrügen oder zu hintergehen, ihnen die Ehre nicht zu nehmen, ihr Lebensrecht nicht zu rauben, ihre freie Entfaltung zuzulassen. Vielmehr sollen wir ihm helfen, sein Gut und seine Nahrung zu behüten, damit jeder genug zum Leben hat und uns in der Not aushelfen kann.
Das achte Gebot heißt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Das meint, wir sollen ihn nicht belügen, verraten, verleumden, fälschlich beschuldigen, abqualifizieren oder verurteilen und damit ausgrenzen, sondern, weil es uns genauso ergehen kann, ihn entschuldigen, das Gute in ihm sehen, Gutes von ihm Reden und mithelfen, alles zum Besten zu kehren.
Und das zehnte Gebot heißt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist. Knechte, Mägde und Vieh zum Lebenserhalt haben wir kaum noch, doch wir begehren seine Position, sein Einkommen, seine Arbeit, sein Aussehen oder seine Lebensweise und wir missgönnen ihm seinen Erfolg, seine Beziehungen, eben das, was er hat, und wir gerne hätten. Vielmehr sollten wir das uns Gegebene akzeptieren und daraus das Beste machen. Wir sollten aus uns heraus leben, damit wir nicht überfordert sind und andere sein lassen wie sie gerade sind.
Sie zeigen, dass es uns nicht zusteht, aus eigenem Ermessen, hochmütig und selbstgerecht, andere zu begrenzen, zu bewerten, abzuwerten, zu beurteilen oder sie zu verurteilen. Sie sind, wie wir, die Summe ihrer individuellen Gegebenheiten und Möglichkeiten und die sind, Gott sei Dank, unterschiedlich verteilt. Jedem ist das zugemessen, was er tragen und erfüllen kann, was ihn sein individuelles Lebensziel erreichen lässt.
Wie können wir vermeiden, andere ans Kreuz zu nageln? Indem wir erkennen, dass wir selbst heimtückisch festgenagelt werden, indem wir an der Folter und Tötung anderer teilnehmen. Wenn wir am eigenen Leib erleben, wie gemein und isolierend das ist, wünschen wir es nicht einmal unserem ärgsten Feind. Die Schraube der Gewalt kann nur durch Entzug und sich anders verhalten unterbrochen werden. Wie hätten wir es gerne? Wir würden uns über liebevolle Hinweise und über Verständnis, Geduld und Unterstützung freuen, darüber, dass jemand an uns glaubt und zu uns steht, vielleicht auch über eine vorübergehende, freundliche Führung.
Liebe ist es, nach der wir uns sehnen und auf die wir hoffen.
Aus Liebe können wir heil werden.
Liebe ist es, die jedes Wesen braucht.
Liebe ist es, die wir gerne weitergeben möchten.
Wer nicht liebt, der bleibt dem Tod (dem Bösen) ausgeliefert. (1.Joh 3,14)
Unsere Liebe zeigt sich darin, dass wir nach Gottes Geboten leben. (2.Joh 6)
