Alles unter Kontrolle? (2.Kor 12,9)
Hallo du,
als gut erzogener Mensch habe ich gelernt, alles unter Kontrolle zu haben. Mein Leben, mein Tun, meine Arbeit, mein Denken, meine Gefühle und mich selbst. Das ist Voraussetzung dafür, dass ich erfolgreich bin und dass mein Leben gelingt. Genau das, erwartet man auch von mir! Ja, das verlangt man sogar von mir. Das ist mein Beitrag, um als Mitmensch und Bürger zu einer Gemeinschaft und zum Staat zu gehören.
Wenn sich jede und jeder so verhält, dann kann und wird jede Gemeinschaft auch gelingen. Wenn jeder funktioniert, dann funktioniert alles. Wenn sich jeder unter Kontrolle hat, dann gibt es keinen Streit mehr, dann gibt es keine Kriege mehr, dann darf jeder sein wie er ist. Dann hätten wir die ideale Gesellschaft. Soweit die Theorie.
Hast du dein Leben immer unter Kontrolle?
Hast du dich immer unter Kontrolle?
Hast du deine Gefühle immer unter Kontrolle?
Hast du deine Mitmenschen immer unter Kontrolle?
Hast du die Umstände immer unter Kontrolle?
Wenn du ehrlich bist, dann musst du alle Fragen verneinen.
Wenn du ehrlich bist, dann willst du das auch gar nicht.
Wenn du die absolute Kontrolle hättest, dann wärst du
kein Mensch mehr, sondern ein Roboter.
Aber wirklich zu leben heißt, in ständiger Interaktion mit anderen zu sein. Interagieren bedeutet, untereinander und miteinander zu handeln und zu erleben. Es ist ein gegenseitiges Aufeinander Einwirken, ein gegenseitiges beeinflussen. Interaktion (von lateinisch inter ‚zwischen‘ und actio ‚Tätigkeit‘, ‚Handlung‘) ist eng verknüpft mit den übergeordneten Begriffen Kommunikation, Handeln und Arbeit.
Interaktion setzt sich mit dem auseinander, was man sieht, hört oder empfindet, was man mit seinen Sinnen aufnimmt und reagiert, antwortet darauf. Durch Interaktion lernten wir dazu. Durch Interaktion entsteht Persönlichkeit. Durch Interaktion erwerben wir Wissen, Kenntnisse, Fähigkeiten und eine eigene Meinung.
Das Leben ist im Fluss. Nichts ist konstant!
Selbst in uns ist Interaktion. Körper, Geist und Seele interagieren miteinander und stimmen sich aufeinander ab. Normalerweise funktioniert das problemlos. Es stellt sich ein funktionierendes Gleichgewicht ein, an dem jedes Organ und jede Zelle seine Bestimmung findet und seine Aufgaben erfüllt.
Nur, was ist schon normal. Ich bin nicht immer der gleiche. Meine Seele, mein Gemüt, meine Gefühle unterliegen durch Erlebnisse Schwankungen. Mein Körper ist immer mal wieder krank und er wird zunehmend älter. Und auch mein Geist, also mein Verstand, mein Denken und Wollen verändern sich ständig.
Das Gleichgewicht muss sich immer wieder neu einstellen. Und das geschieht nur mit eigener Unterstützung.
Wir müssen auf die Bedürfnisse der verschiedenen Bereiche in uns Rücksicht nehmen, die notwendigen Anpassungen wollen und sie durch Umorientierung auch unterstützen. Das nennt sich inneres Wachstum oder auch persönliche Reifung. Wenn ein Bereich zu dominant wird, dann leiden die anderen Bereiche darunter, dann entsteht nicht nur ein inneres Ungleichgewicht, sondern wir werden auch krank. Wir verlieren die Kontrolle. Wir geraten Out of Control.
Wenn ein Teil sich über die anderen erhebt und die Kontrolle übernimmt ohne auf die anderen zu achten, ohne deren Bedürfnisse zu kennen und zu berücksichtigen, dann entsteht Kampf und Chaos in uns, dann kämpfen Psyche (Geist) und Soma (Körper) miteinander, dann entstehen innere Verspannungen, Verschlackungen und Blockaden, dann werden und sind wir krank. Das ist genauso wie im wirklichen und äußeren Leben.
Weshalb wollen Menschen die Kontrolle über etwas haben?
Manchmal geht es ihnen um Macht und Einfluss, um Rang und Anerkennung. Manchmal geht es ihnen um persönliche Sicherheit. Genauer gesagt, um ihre eigene, störende Unsicherheit.
Wer kontrolliert, der bestimmt, beherrscht und setzt sich durch. Der beeinflusst andere in seinem Sinne.
Und wer sich unsicher fühlt, der tut alles dafür, dieses schreckliche Gefühl wieder loszuwerden. Der will wieder Ordnung in seine Gedanken und Struktur in sein Leben bekommen. Der will sich seiner wieder sicher werden. Der denkt dann natürlich zuerst an sich und weniger oder gar nicht an die Interessen von anderen.
Auch wenn der Mensch glaubt, ein unabhängiges Individuum zu sein, so ist und bleibt er doch auch ein soziales Gruppenwesen und ist damit auf die Anderen angewiesen. Um nicht ins Abseits zu geraten, braucht er Interaktion, zwischenmenschliche Begegnung. Liebe und Aufmerksamkeit, die er bekommt und die er gibt. Gemeinschaft, die ihm Sinn und Wert gibt.
Menschliche Reife und Stärke zeigen sich in der Kompromissfähigkeit, im gegenseitigen aufeinander Zugehen und Eingehen und im Zurückstecken eigenen Wollens.
Wer alles kontrollieren will, überhebt sich – auch über andere. Kontrolle bedeutet auch Misstrauen.
Was Menschen aber brauchen und mögen, ist liebevolle Zuwendung und helfende Unterstützung. Das achtet sie, hilft ihnen weiter und macht sie dankbar. Jeder Versuch, etwas oder jemanden zu kontrollieren, scheitert an der eigenen und/oder der fremden Menschlichkeit und führt immer dazu, jegliche Kontrolle zu verlieren. Menschen wollen nicht gegängelt werden, in Angst leben und sich auf diese Weise unterdrücken lassen. Das wäre menschenunwürdig.
Woher ich das weiß?
Auch ich machte Fehler und lernte dazu. Auch ich wurde krank und durch Erkenntnis wieder gesund. Seitdem ich aufgegeben habe, mich, meine Gefühle, Gedanken und mein Wesen sowie andere kontrollieren zu wollen, geht es mir viel besser. Ich habe erkannt, dass Kontrolle allen schadet und jegliches Vertrauen und jede Gemeinschaft zerstört.
Das Gegenteil von Kontrolle ist Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und in andere.
Das heißt, das eigene Wollen und Drängen loszulassen und auf das Gute zu hoffen und zu zählen. Mein Verhalten schlägt letztlich immer wieder auf mich zurück!
Ich habe losgelassen, aber ich lasse mich nicht treiben. Ich habe ein neues Fundament, das auf meinem Anstand und meine Liebe baut und auf mein Gottvertrauen sowie auf meinen Glauben und an das Gute in allen Menschen.
Seitdem ich Jesus als meinen Herrn angenommen habe und mich an ihm ausrichte, bin ich freier und mutiger geworden, mich mit dem zu beschränken, was ich habe und wer ich bin. Ich respektiere meine Schwächen und lasse mich darin unterstützen. Und ich kenne meine Stärken und bin bereit, sie einzubringen. Ich befinde mich nicht mehr im Wettbewerb mit anderen, sondern nur noch im eigenen Reifungsprozess. Ich kann um Hilfe bitten, wenn ich sie brauche und sie geben, wenn sie erwünscht ist. Ich agiere, wenn ich mir sicher bin. Ich kann Fehler zugeben und mich daran freuen, wenn eigene Ideen oder Beiträge von anderen aufgenommen werden. Und ich freue mich ganz besonders, wenn ich Anregungen von anderen bekomme.
Ich sitze nicht mehr zwischen den Stühlen, sondern ich habe mich mit einem eigenen Stuhl dazwischengesetzt. Ich wurde zu einem Stuhl zwischen anderen. Ich verbinde, was verbunden werden möchte und lasse mich dabei von Liebe, Geduld und Weitsicht leiten. Ich versuche andere zu verstehen und mich verständlich zu machen. Wir interagieren gemeinsam und erfreuen uns daran.
Wir ermöglichen Gemeinsames, was uns verbindet. Wir sind füreinander da und erfreuen uns an unserer Unterschiedlichkeit, die ja die Voraussetzung für die Interaktion, für das Miteinander sprechen, für das Aufeinander hören und das Einander anpassen sind.
Seitdem ich losgelassen habe, überhebe ich mich nicht mehr.
Ich tue, was ich tun kann und en großen Rest überlasse ich Gott und seinen Möglichkeiten. Das entspannt. Das macht frei. Das macht aufmerksam. Ich achte auf seine Signale und nehme sie auf. Dadurch kann ich spontan und echt sein, kreativ, frei und unvoreingenommener. Ich reagiere nicht mehr abwehrend, sondern handle aus Liebe in Liebe. Ich lasse mich gerne auf Neues ein, um ihn, Gott, darin zu entdecken.
Ich sehe die Interaktion als ein miteinander Tanzen, bei dem Ungeübte sich ab und zu auf die Füße treten, dazulernen und durch Übung zu gemeinsamer Harmonie und Ästhetik finden. Nichts ist beglückender, als anerkennendes Vertrauen, als gegenseitige Wertschätzung und intuitives Aufeinander eingehen und auch, als sich, miteinander verbunden, hinzugeben.
Kontrolle beabsichtigt, das geschieht, was ich für richtig halte. Lieben bedeutet, das geschieht, was für beide Seiten gut und richtig ist.
Gott kontrolliert uns nicht, sondern er interagiert mit uns durch sein Wort, das uns inspiriert und anleitet, durch seine Zuwendung und Gebetserhörung, die uns sicher macht und mithilfe seines inspirierenden Geistes, der unseren Geist befruchtet und weitet.
Das gelingt ihm am besten, wenn mein Wollen und meine Selbstkontrolle schwach sind und ich deswegen bereit bin, seine Anregungen und seine Führung und Fügung anzunehmen. Meine Unsicherheit ist somit die Grundlage und die Voraussetzung dafür, dass er durch meinen Geist hindurch wirken kann, dass er mich inspiriert und ich gehorsam seine Gedanken zu Papier bringe und seine Liebe weiterverschenke.
Aber Gott hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst! Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft ganz besonders an dir.« Darum will ich vor allem auf meine Schwachheit stolz sein. Dann nämlich erweist sich die Kraft von Christus an mir. (2.Kor 12,9; HfA)

