Um Hilfe bitten

 

Hallo Du,

ich habe soeben vor Glück geweint,

denn ich habe gerade verstanden,

was es bedeutet, jemanden

um Hilfe zu bitten.

 

Ich bin groß, stark und klug!

So groß und so stark und so klug,

dass ich mir jeder Zeit

selbst helfen kann.

(Jedenfalls dachte ich das bisher).

 

Außerdem hatte mich diese Einstellung

bisher bewahrt, zugeben zu müssen,

dass ich immer wieder Probleme habe,

dass auch ich immer wieder

in Schwierigkeiten stecke, in denen selbst

ich ziemlich hilflos und ohnmächtig bin,

die selbst ich nicht ohne fremde Hilfe

meistern kann.

 

In solchen Situationen habe

ich mich meist zurückgezogen,

rar gemacht, versteckt

und verkrochen in der Hoffnung,

– die anderen würden es nicht merken,

– die Schwierigkeiten würden sich

   von alleine lösen,

– der Kelch würde irgendwie

   an mir vorübergehen,

– ich könnte irgendwie mein

   Gesicht wahren,

– ich könnte irgendwie doch noch

   gewinnen und heil aus den

   Schwierigkeiten herauszukommen,

   auch um den Preis, dass ich meine

   Probleme versteckt, verdrängt

   und unterdrückt habe.

 

Aber welches Gesicht?

Anstatt zu gewinnen,

habe ich dabei immer verloren,

die Achtung der anderen,

mein wahres Gesicht,

meine Aufrichtigkeit,

meinen Mut

und meine Selbstachtung.

 

Und: Meine Probleme

und Schwierigkeiten sind geblieben,

– in meinem unruhigen Inneren,

– in meiner zerrissenen und

   unbeholfenen Seele,

– in meinem stolzen, hochmütigen

  und unnachgiebigen Kopf.

Sie sind sogar immer größer geworden,

immer mächtiger, immer beängstigender,

immer beherrschender und auswegloser.

 

Warum nur geben wir so ungern zu,

dass wir in Schwierigkeiten stecken?

Warum nur glauben wir,

dass eine Bitte um Hilfe

einer Demütigung gleicht,

ein Ausdruck von Hilflosigkeit

und Schwäche ist,

eine gesteigerte Form von

persönlicher Beschämung darstellt?

 

Erst wenn unsere Kräfte nachlassen,

erst wenn wir kurz davor sind zu ertrinken,

erst wenn wir in tiefer Verzweiflung sind,

erst wenn unser Leiden unerträglich wird,

erst wenn wir völlig geschwächt, ehrlich

Ausweglosigkeit und Ohnmacht zugeben,

erst dann, sind wir bereit und vorbereitet,

den hemmenden Stolz zu überwinden

und das normale und natürliche zu tun.

 

Nämlich einfach jemanden vertrauensvoll

um Hilfe zu bitten. Nicht, dass er uns von

unseren Problemen befreit, sondern

dass er uns Hilfe zur Selbsthilfe gibt,

dass er mithilft, das Tal der Tränen

zu durchqueren,

dass er uns ermutigt, beisteht,

unterstützt und nahe ist.

 

Erst wenn wir schwach sind,

beginnen wir zu bitten und zu beten,

wissen wir Hilfe zu schätzen,

wird die Hilfe eines anderen stark,

nehmen wir Hilfe dankbar an.

 

Und nur dadurch erleben wir Dankbarkeit:

Die Dankbarkeit des anderen,

– dass er uns helfen durfte,

– dass wir ihm in unserer Not unser voll-

   ständiges Vertrauen geschenkt haben,

– dass wir ihn gebraucht und damit

   geehrt haben.

 Eigene Dankbarkeit,

– eine tiefe Dankbarkeit für die

   Rettung im letzten Moment,

– eine tiefe Dankbarkeit für den

   mitfühlenden Erretter,

– eine tiefe Dankbarkeit und Ergriffenheit

   für die aktive Mitmenschlichkeit, die sich

   in dankbaren Tränen der Rührung,

   Freude und Befreiung ausdrückt.

 

Wir verstehen plötzlich,

was Hilfe in der Not bedeutet.

Wir sind von nun an bereit,

frühzeitig um Hilfe zu bitten

und,

wir sind von nun an bereit,

anderen frühzeitig helfend beizustehen.

Denn nun weiß ich:

Gerade wenn ich schwach bin,

bin ich stark durch Christus.

 

Dreimal schon habe ich den Herrn
angefleht, mich davon zu befreien.
Aber er hat zu mir gesagt:
»Meine Gnade ist alles, was du brauchst!
Denn gerade wenn du schwach bist, wirkt
meine Kraft ganz besonders an dir.«
Darum will ich vor allem auf meine
Schwachheit stolz sein. Dann nämlich
erweist sich die Kraft von Christus an mir.
(2.Kor 12, 8-9; HfA)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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