Streit – Ich will dich anders haben!
Hallo Du,
gestern hatte ich ein erstaunliches (mir nicht unbekanntes) Erlebnis. Ich war als fremder Gast mit anderen bei einem älteren Ehepaar zu einem vorweihnachtlichen Mittagessen eingeladen. Das Haus und die Wohnung waren schön, gemütlich und liebevoll eingerichtet. Das wärmende Licht der Sonne brach sich in schmückendem Kristallglas am Fenster und warf regenbogenfarbige Kleckse auf den einladend gedeckten Tisch, auf die Teller und Gläser, und erhellte nicht nur den Raum, sondern auch ihr, mit Fleiß und Arbeit gemeinsam geschaffenes Zuhause.
Das Essen war hervorragen. Das Tischgespräch war zunächst etwas förmlich, wurde dann aber immer offener. Es ging um Gott und die Welt, um Erfolge und Niederlagen, um Wohlbefinden und Ärgernisse und schließlich auch um schwierige, eheliche Beziehungen und um Zerwürfnis.
Dabei saßen sich Gastgeber und Gastgeberin (im Sicherheitsabstand) an den Tischenden gegenüber und die Gäste dazwischen konnten unsichtbare Brandpfeile zwischen den Beiden hin und her fliegen sehen, Andeutungen, eigene Sichtweisen, selbstbehauptende Statements und wohlverpackte Ich-Botschaften.
Zum Glück gab es, wegen der Gäste, nur ein mittelstarkes Erbeben, begleitet von stummen, aber unüberhörbaren Hilferufen. Und zum Glück, war Gott in verschiedener Ausprägung in den Köpfen und Herzen aller Anwesenden.
Wir Zuschauer reagierten zunächst mit erschrecken, dann mit Humor, dann mit interessierter Anteilnahme und schließlich mit liebevoller, verständnisvoller und versachlichender Liebe und Vermittlung.
Wie geht man damit um, wenn in einer langjährigen Beziehung einer zum anderen sagt:
Je mehr du an mir rummeckerst und mich ändern willst, desto stärker wehre ich mich dagegen!!!
1. Das größte Problem in ehe- bzw. partnerschaftlichen Beziehungen entsteht, wenn Erwachsene sich unbedingt ändern, bessern wollen. Das wird als ein direkter Angriff auf die Persönlichkeit, den Selbstwert und das Wesen empfunden. Das verursacht verdeckte oder offene Aggression. Das führt leicht zu Unmut, Wut, Abwehr, Streit, Kampf, Zerwürfnis Ablehnung und Rückzug.
Wer einen anderen ändern will, signalisiert ihm/ihr:
DU bist nicht O.K.!!! Ich kann dich nicht (mehr) leiden, riechen, ausstehen!!! ICH weiß es besser! ICH gebe dir noch eine Chance, mir zu gefallen!!! Unterwerfe dich und gehorche! Mach endlich, was ICH will! Tu, was ich dir sage! Ich meine es doch gut mit dir! (?) Ändere dich (endlich) so, wie ICH es für richtig halte!!!
Und so tritt ein Naturgesetz in Kraft. Druck erzeugt Gegendruck! Die oder der Andere, reagiert darauf auf seine Weise. Er wehrt sich. Er verwehrt sich dagegen mit seinen Mitteln, entweder durch eigenen offenen oder versteckten Angriff oder durch völligen Zusammenbruch, verbunden mit Rückzug, Selbstverleugnung und Selbstaufgabe, mit Gleichgültigkeit oder Lethargie.
2. Dabei beginnt jede Beziehung doch ganz anders. Man sieht im anderen etwas Besonderes. Man erkennt in ihm/ihr etwas Schönes und Begehrenswertes und Wohltuendes, auch etwas Fremdes, Beeindruckendes, und Ergänzendes. Man mag es. Man mag ihn/sie. Man fühlt sich gegenseitig angezogen. Man verliebt sich das fremde Wesen. Und in allem zeigt man:
DU gefällst mir! Ich mag DICH! So wie du bist, bist du in Ordnung! Ich liebe dein Wesen. Ich liebe dich!!!
Ich liebe dich so sehr, dass ich mit dir Zusammensein möchte, dir immer nahe sein möchte, mit dir mein Leben verbringen und gestalten möchte, mit dir Kinder haben möchte, in denen dein Wesen und deine Einmaligkeit weiterbesteht.
Das drückt gegenseitige Hochachtung und Anerkennung aus. Das ist liebevolles, gegenseitiges Bewundern. Das ist willkommene und bestärkende Zuwendung. Das befähigt zu Größerem, dazu, sein Bestes für den Anderen zu geben; dazu sich dem Anderen vertrauensvoll anzuvertrauen und hinzugeben; dazu, sein eigenes ICH, seinen Individualitätsdrang zu zügeln, um den Anderen bzw. die Andere auch glänzen zu lassen. Das führt zum Wir.
Wenn man sein Gegenüber achtet, respektiert, anerkennt und liebt, ihn/sie im eigenen Wesen bestätigt, auf Gemeinschaft achtet und sie pflegt und auf einseitige Vorteile verzichtet, wird die Liebe und die freiwillige Beziehung vertieft, gefestigt.
Man zieht am gleichen Strang in die gleiche Richtung. Man überwindet mit doppelter Kraft gemeinsame Hindernisse. Man gibt sich gegenseitig Kraft, Wert und Bedeutung und damit auch Sicherheit und Geborgenheit als Lebensgrundlage.
Gerade wenn wir mal anderer Meinung sind, unterschiedliche Ansichten und Sichtweisen haben, Situationen unterschiedlich einschätzen und beurteilen, gerade dann tun wir uns zusammen, tauschen wir uns aus, finden wir gemeinsame, für uns richtige Wege, die wir auch gemeinsam verantworten, damit es keine gegenseitigen Vorwürfe geben kann.
Gerade weil wir unterschiedlich sind und uns dadurch ergänzen, sind wir auch erfolgreich. Gerade die unterschiedlichen Begabungen, Prägungen und Lebenserfahrungen machen uns stark. Gerade weil wir Unbekanntes und Neues gemeinsam erkunden, wachsen wir nicht nur persönlich, sondern auch stärker zusammen und werden so in unseren Werten und Zielen und Absichten eins.
Gemeinsam teilen wir Freude und Leid miteinander. Gemeinsam überwinden wir Krankheit und Niederlage. Gegenseitig schenken wir uns Ermunterung, Ermutigung, Ansporn, Trost und Hoffnung. Gerne schenken wir uns Treue, Aufrichtigkeit, Freundlichkeit und Geduld. Und wenn das Verhältnis stimmt, sind wir auch bereit, Belastendes zu ertragen, Schweres gemeinsam zu lösen, Widrigkeiten immer wieder zu überwinden, in jeder Lage die Hoffnung nicht zu verlieren und trotz allem zusammenzuhalten. Wir sind als Menschen auf Rücksichtnahme, Verständigung, Liebe und gemeinsame Freude und Frieden angewiesen, auf mitmenschliche Nachsicht und Güte, auf Achtsamkeit gegenüber anderen und auf ständige, eigene Selbstbeherrschung.
3. Das sind gute und wertvolle Beziehungsinhalte, die jedoch in einer feindlichen, vorteilsbezogenen und individuell erlebten Außen- und Arbeitswelt, immer wieder in Frage gestellt werden. Das arbeitet in uns. Das hat Auswirkungen. Das lässt uns immer mal wieder zurückfallen in Empfindlichkeit, Verunsicherung, Selbstzweifel und Unausgeglichenheit. Das bohrt in uns und belastet auch unsere Beziehung.
In solchen Situationen denken wir leicht: Alle sind gegen mich! In unserer Abwehrhaltung wollen wir auch nicht davon überzeugt werden, dass der Partner / die Partnerin nicht zu allen zählen. Wir ziehen uns verletzt zurück und wollen unsere Ruhe haben und lehnen dann auch schnell gegen das Mitgefühl und die tröstende Fürsorge der Partnerin/des Partners auf. Und die/der versteht das falsch.
Sie hören: Ich lehne dich ab! Ein fatales Missverständnis. Es kann das Vertrauen und die Bindung stark erschüttern und zu Beziehungskrisen führen.
4. Solche Krisen können auch aufkommen, wenn es in der Familie gravierende Veränderungen gibt, wenn zum Beispiel die Kinder erwachsen werden und ausziehen. Dann fällt eine verbindende Aufgabe weg. Man empfindet sich leicht als verlassen und nicht mehr gebraucht. Gerade Frauen, die in den Kindern, im Versorgen und Bemuttern und Erziehen, ihre Lebensaufgabe sahen, fühlen sich dann leer und suchen ein neues Betätigungsfeld für ihre Liebe, vielleicht ihren Mann, dem die ungewohnte Massivität nicht so recht ist, vielleicht andere Aufgaben und Menschen in neuer oder erweiterter beruflicher Tätigkeit odervielleicht in Ehrenämtern, wodurch der Mann sich vernachlässigt fühlt.
5. Ein weiteres Problemfeld ergibt sich beim Übergang in den Altersruhestand. Das eigene Aufgaben- und Bestätigungsfeld entfällt. Die bisherige Werte- und Bezugsgemeinschaft mit Achtung, Rang und Status (als vermeintliche Basis des eigenen Selbstwertes) müssen aufgegeben werden. Die eigene Erfahrung und Routine werden nicht mehr gebraucht. Man fühlt sich entwertet. Man weiß mit sich selbst nichts anzufangen. Man hat große Umstellungs- und Umgewöhnungsschwierigkeiten. Zusätzlich entstehen Schwierigkeiten dadurch, weil man sich mit neuen Aufgaben zuhause noch nicht anfreunden kann, weil man noch nicht weiß, wie sie zu machen sind oder weil man sie als neue Aufgaben noch nicht akzeptiert hat und dafür auch nicht gewürdigt wird.
Dazu kommt noch, dass man jetzt ständig mit der Partnerin bzw. dem Partner eng aufeinander hockt und sich dadurch, viel mehr als vorher, aneinander reibt. Da werden die eigenen Spielräume enger. Da werden Kleinigkeiten wie der Klodeckel, die Zahnpastatube oder die liegengelassene Socke zu zentralen Erziehungsthemen. Da werden die, durch Pflichten entschuldigten Flucht- und Beziehungsauszeiten immer seltener. Da werden unterschiedliche Ordnungs- und Reinlichkeitsbedürfnisse offenkundig, ebenso unterschiedliche Gewohnheiten, Eigenarten und Lebensrhythmen, unterschiedliche Interessen und Neigungen. Da muss man sich zu eigenen Freiräumen überwinden oder darum kämpfen. Da muss man ein neues, partnerschaftliches Gleichgewicht finden in dem deutlich ist: Auch, wenn ich alleine meinem Hobby nachgehe, bleibe ich trotzdem mit dir eng verbunden.
Warum muss man das überhaupt sagen oder denken? Ist das nicht selbstverständlich? Muss man über solche Nichtigkeiten reden? Muss man erklären, dass eigene Wege nicht Zurücksetzung des Anderen bedeutet, sondern dass sie wichtig sind fürs eigene innere Gleichgewicht, dass dem anderen ja wieder durch Ausgeglichenheit nützt und förderlich ist für die gemeinsame Beziehung?
Im Nichtwissen, wie eine (verfahrene) Beziehungssituation weitergehen kann, liegt Ohnmacht und Hilflosigkeit – und das ist normal.
Ein ‚Vor anderen darüber reden‘, ist einerseits indirekte Rechtfertigung, andererseits aber auch ein Hilferuf nach außen: Wie seht ihr das? Was ist eure Erfahrung? Wer hat Recht? Wie habt ihr diese Situation gemeistert?
Und es besagt auch: Wir lieben uns irgendwie immer noch, wissen aber nicht, wie wir dem anderen, seiner / ihrer belehrend und hochmütig erscheinende Übergriffigkeit und die damit verbundene Erniedrigung und Entmündigung als unzulässig, schonend beibringen können.
Dahinter sehe auch die Hoffnung: Kann es nicht wieder so sein wie früher, als wie uns noch gegenseitig geschätzt, achteten, mochten und bewundert haben? Das war doch schön.
6. Ihr Frauen: Wisst ihr denn nicht, dass euer Mann (weil er ein Mann ist) euch als seinen Lebensmittelpunkt sieht und ihm euer Streiten wie ein Liebesentzug vorkommt?
Ihr Männer: Wisst ihr denn nicht, dass der Lebensmittelpunkt eurer Frau die Familie ist und dass ihr Streiten und Ermahnen, sich meist auf eure Sozialverträglichkeit und Sozialverpflichtung bezieht?
Ja, ihr Männer und Frauen, ihr seid anders und unterschiedlich. Nicht besser und auch nicht schlechter. Und das waren wir schon immer, seit Menschengedenken. Und das ist gut so!
Nur, früher habt ihr am gleichen Strang in die gleiche Richtung gezogen. Heute aber zieht ihr am gleichen Strang in die entgegengesetzte Richtung. Ihr macht euch das Leben gegenseitig schwer. Nachgeben und Aufeinander zugehen ist keine Schwäche, sondern es zeigt Reife und Weisheit.
Im Kämpfen verlieren beide Seiten und das Zusammenleben wird unerträglich. Durch Nachgeben und Vergeben aber, wird man kein Verlierer, verliert man nicht seine ‚Ehre‘, sondern man zeigt darin Liebe. Der Andere ist mir immer noch viel wert, mehr als mein Stolz und meine Wut. Durch gegenseitiges Nachgeben und Verständigen werden alle zu Gewinnern, sogar Außenstehende und Gäste.
Hier noch einige Bibelzitate zum Thema:
Eph 5 21-31; Auszüge HfA: Ordnet euch einander unter. … Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, so wie ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn wie Christus als Haupt für seine Gemeinde verantwortlich ist, die er erlöst und zu seinem Leib gemacht hat, so ist auch der Mann für seine Frau verantwortlich. … Ihr Männer, liebt eure Frauen so, wie Christus seine Gemeinde liebt: Er hat sein Leben für sie gegeben … Darum sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Körper. Wer nun seine Frau liebt, der liebt sich selbst. … Ein Mann verlässt seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.
1Kor 11,11; NGÜ: Es muss klar gesagt werden, dass nach der Ordnung, die der Herr geschaffen hat, nicht nur die Frau auf den Mann angewiesen ist, sondern ebenso der Mann auf die Frau.
Sir 26,7-9 ;L: Ein Weib, das ihren Ehemann in Ehren hält, erscheint allen als weise; wenn sie ihn aber missachtet, wird sie bei ihrem Hochmut allen als gottlos gelten. Der Mann eines guten Weibes ist glücklich zu preisen, denn die Zahl seiner Lebensjahre verdoppelt sich.
1Kor 7,3 NGÜ: Der Mann gebe der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann.
1Tim 2,12; NGÜ: Einer Frau gestatte ich nicht, … dass sie über den Mann herrsche.
Sir 25,23; L: Eine böse Frau schafft ein betrübtes Herz, ein trauriges Angesicht und Herzeleid. Eine Frau, die ihren Mann nicht glücklich macht, lässt seine Hände schlaff werden und lähmt seine Knie.
Sir 26,2 Eine tüchtige Frau ist für ihren Mann eine Freude und erfüllt seine Jahre mit Frieden.
Sir 26,13 Eine anmutige Frau erfreut ihren Mann, und ihre Klugheit stärkt ihn (und dadurch auch sich).

