Sich ständig beweisen müssen?
Hallo Du,
kennst du jemanden, der sich immer wieder selbst beweisen muss, der immer der Boss sein will, in allem Recht zu haben glaubt, ständig auf Anerkennung aus ist, eine kurze Lunte hat wie das HB-Männchen schnell an die Decke geht?
Wie findest du ein solches Verhalten? Ist es merkwürdig, anstrengend, aufdringlich oder erbärmlich? Wie reagierst du darauf? Wie schützt du dich davor?
Was denkst du, wenn du ihn siehst?
Vielleicht: ‚Der schon wieder?‘ Bist du genervt? Tut er dir leid? Versuchst du, ihm zu entkommen?
Vielleicht fragst du dich aber auch, was die Ursachen für dieses zwanghafte Verhalten sein könnten und wie es überwunden werden kann.
Was könnten die Ursachen dafür sein?
Der Wunsch nach Lob und Anerkennung kann für Menschen ein starker Antrieb sein. Sie möchten von anderen geschätzt und bewundert werden und das Zeigen ihrer Fähigkeiten soll ihnen diese Bestätigung geben. Obwohl ihr Verhalten und Tun bereits für sie spricht, erwarten sie auch noch eine deutlich hörbare, sichtbare und anerkennende Reaktion. Bleibt die aus, sind sie verstimmt.
Auch der Wunsch, in sozialen Gruppen akzeptiert und respektiert zu werden, kann ein Motiv sein, sich zu immer wieder auffallend zu präsentieren, um als wertvoll und kompetent anerkannt zu werden. Auch dann erwarten sie ständig die offensichtliche Bestätigung. Sie wissen nicht, dass sie bereits dann zu einer Gruppe gehören, weil sie dabei sind, denn sie glauben, sie müssten für ihre Akzeptanz etwas tun. Umgekehrt wäre es richtig: Sie gehören zur Gruppe und aus Liebe und Mitmenschlichkeit bringen sie sich ein und tun damit etwas für die Gemeinschaft.
Oft suchen Menschen mit geringem Selbstwertgefühl nach Bestätigung von außen, um sich besser zu fühlen. Indem sie ihre Fähigkeiten und ihr Wissen demonstrieren, hoffen sie, Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten. Das aber ist ein manipulierendes ‚nach Komplimenten fischen‘.
Manchmal ist es auch eine Unsicherheit über die eigenen Fähigkeiten und das eigene Wissen. Die kann dazu führen, dass jemand ständig seine Kompetenz beweisen möchte. Das ist dann ein Versuch, die eigenen Zweifel zu überwinden und sich selbst zu überzeugen. Fatal ist, wenn das daneben geht. Die Kompetenz erweist sich als aufgesetzt, die Inkompetenz wird bestätigt und die Unsicherheit wird verstärkt. Das können diese Personen nicht auf sich sitzen lassen. Sie regen sich über sich selbst auf und versuchen die Situation durch nachträgliches Erklären, Deuten oder Rechtfertigen zu retten. Damit machen alles schlimmer und die Situation ist für alle peinlich. Für diese Menschen ist Misserfolg eine Schande. Für andere sind Misserfolge normal und nicht zu vermeiden. Irren ist menschlich.
Der Drang nach Anerkennung und Wertschätzung kann auch durch eine wettbewerbsorientierte Umgebung hervorgerufen werden und den Wunsch nach Überlegenheit und Erfolg verstärken, denn Menschen möchten sich von anderen abheben und als die Besten wahrgenommen werden. Dieser Drang kann zu einem unangenehmen und unausstehlichen Kampf ausarten. Sieger hinterlassen Verlierer. Immer nur ein Verlierer zu sein oder absichtlich zu verlieren um den anderen zu stärken, ist auf Dauer anstrengend, zumal in der Gruppe nur der Gesamtsieg zählt, an dem jede und jeder, entsprechend den eigenen Fähigkeiten Anteil hat.
Eine weitere Ursache könnte auch Perfektionismus sein. Perfektionisten haben hohe Ansprüche an sich selbst und möchten in allem, was sie tun, exzellent sein. Dabei überfordern sie sich häufig. Niemand ist dauerhaft perfekt. Das Schlimme ist, dass Perfektionisten von anderen erwarten oder verlangen, sich ihren Ansprüchen zu beugen und sie zu übernehmen.
Perfektionismus kann auch ein übertriebenes Kontroll- oder Sicherheitsbedürfnis sein. Umso schlimmer sind dann unvermeidliche eigene Fehler. Die lassen das Kartenhaus zusammenfallen. Wut und Selbstvorwürfe sind unvermeidlich und auch für andere peinlich.
Ursache könnten aber auch die Erziehung und das Umfeld sein, in dem jemand aufgewachsen ist und in der Leistung und Erfolg überstark betont oder gefordert wurden. Die Eltern haben zu hohe Erwartungen. Wenn die enttäuscht werden, sehen sie ihre Kinder als Faulpelze oder Versager, die durch ihre hartherzige Kritik, durch Schimpfe, Strafe, Ablehnung und/oder Mobbing erzogen und gefügig gemacht werden müssen.
Wie kann ein Kind sich dagegen wehren? Es ist Abhängig. Sich zu fügen hilft nicht, wenn sie mit den Ansprüchen und den Aufgaben überfordert sind. Normale Reaktionen sind innere Revolte, Ungehorsam oder Aufsässigkeit. Kinder haben ein feines Gespür für angetane Ungerechtigkeiten und überzogenen Härten.
Eifersucht, Neid und Wut können eng mit dem Gieren nach Anerkennung zusammenhängen.
Eifersucht entsteht, wenn jemand ständig nach Anerkennung sucht und das Gefühl hat, dass andere mehr Aufmerksamkeit oder Lob erhalten. Der Eifersüchtige fühlt sich zurückgesetzt, bedroht und hat Angst, (ungerechterweise) nicht genug wertgeschätzt zu werden. Das löst zusätzlich Wut und Neid aus, die sich entladen.
Neid entsteht, wenn jemand das Gefühl hat, dass andere ungerechterweise etwas haben, das man selbst nicht hat, nicht bekommt, aber haben will: Seien es Anerkennung, Zuwendung, Erfolg, Ehre oder materielle Güter.
Dieser Neid wird verstärkt durch ständiges, subjektives Vergleichen mit anderen und dem dadurch geschürten Gefühl, selbst nicht genug zu bekommen; vielleicht auch, für das eigene ‚Ansehen‘ nicht genug zu haben. Das löst zusätzlich Wut und Eifersucht aus, die sich entladen.
Wut entsteht, wenn die eigenen Erwartungen an Anerkennung und ehrenvollem Glanz nicht erfüllt werden. Diese Wut richtet sich gegen die, die als Hindernis für die eigene Anerkennung gesehen werden und/oder gegen sich selbst, weil man mal wieder ausgerastet ist und/oder zerstörerisch gegen eine Gemeinschaft, die die Anerkennung im erwarteten Maß scheinbar verweigert. Das löst zusätzlich Neid und Eifersucht aus, die sich entladen.
Um dieses Verhalten zu überwinden, kann Folgendes hilfreich sein:
Demut: Eine demütige Einstellung nimmt sich selbst nicht so wichtig und sieht sich nicht im Rampenlicht. Demütig ist, wer auch anderen etwas gönnt, ihnen gegenüber anerkennend, freundlich, aufmerksam und respektvoll ist, sie achtet, ihnen zuhört, ihnen eine eigene Meinung zugesteht, die eigenen Standpunkte überdenkt und eigene Fehler offen eingesteht.
Demut ist kein Zeichen von Schwäche oder Minderwertigkeit, sondern sie ist der Mut und die Stärke, eigene Mängel in Betracht zu ziehen, zu sehen und zu akzeptieren und einzugestehen. Niemand ist perfekt. Ohne Demut sind Dankbarkeit, tiefgehende Weisheit, wirkliche Macht, tatsächliches Wissen und Können sowie eigenes Wachstum nicht möglich!
Loslassen: Wer sich ständig über Mitmenschen oder Geschehnisse aufregt, sich zu wichtig nimmt, sich in vieles einmischt, andere von sich und seiner Meinung überzeugen und Situationen beherrschen bzw. kontrollieren will, der kann oder will nicht akzeptieren, dass vielleicht der Falsche dafür ist und dass Dinge geschehen müssen, weil sie ihn nichts angehen oder weil er sie nicht beeinflussen kann.
Wer so in seinem Wollen verkrampft oder verhaftet ist, der sollte, auf Gott vertrauend, loslassen. Der sollte sich fernhalten von Gedanken, Gefühlen oder Situationen, die zu Stress oder negativen Emotionen führen können. Der sollte seine negativen Denkmuster erkennen und durch positive oder realistische Gedanken ersetzen.
Indem man vergangene Ereignisse, Sorgen oder negative Gedanken loslässt, sich sein unbewusstes ständiges Wollen bewusst macht, seinen Platz im Leben akzeptiert, nicht alles bewertet und sich auf die Gegenwart und die eigenen Möglichkeiten konzentriert, kann und wird man zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden finden.
Dankbarkeit: Überhebliche Menschen glauben nicht dankbar sein zu müssen, weil sie denken, ihre Erfolge aus eigenem Vermögen und aus eigener Kraft erreicht zu haben. Daraus schöpfen sie ihre vermeintliche Stärke. Das macht sie stolz und hochmütig und es verhindert, dass sie Hinweise und Anregungen von für minderwertig gehaltenen Mitmenschen nicht annehmen. Ihre Sichtweise, Haltung und Einstellung stehen ihnen im Weg und verstellt ihnen den klaren Blick auf die Realität. Sie stehen sich selbst und ihrer Weiterentwicklung im Weg.
Dankbarkeit ist ein Grundelement für gelingende Gemeinschaft, für Weisheit, Demut und Offenheit. Dankbarkeit ermöglicht Zuwendung, Unterstützeng Hilfe und Anerkennung von anderen. Bewusst dankbar zu sein für die vielen positiven Dinge im Leben, lenkt den Fokus immer wieder auf das Gute, Schöne, Wertvolle und Angenehme und Besänftigende. Sie sieht nicht alles als selbstverständlich an.
Selbstreflexion: Durch häufige Selbstprüfung lernt man sich und seine inneren Regungen, die eigenen Unsicherheiten und Bedürfnisse, das eigene Verlangen, die eigenen Stärken und Schwächen bzw. die eigenen Sehnsüchte und Ängste besser kennen und verstehen.
Selbstreflexion erdet. Selbstreflexion ist Voraussetzung für Wahrhaftigkeit und Einsicht, für Motivation und Zukunftsgestaltung. Sie kann durch Gespräche mit einem Therapeuten oder durch Messen an einem verlässlichen Maßstab geschehen, bspw. an Gottes Wort und Wollen in der Bibel.
Selbstakzeptanz: Menschlich geerdet ist, wer sich so akzeptieren wie er ist und darin seine Einmaligkeit sieht. Selbstakzeptanz schließt eigene Weiterentwicklung und geistiges Wachstum nicht aus. Sie vergleicht nicht mehr, ist sich genug, hat Geduld und lässt sich Zeit. Äußere Bestätigung wird überflüssig, ist sogar störend, weil sie vom inneren Gleichgewicht ablenken könnte.
Achtsamkeit und Meditation: Aufmerksam zu sein gegenüber anderen und sich selbst bedeutet: Die bewusste Wahrnehmung von Signalen im Inneren und Äußeren; die Beachtung von Mitmenschen, Vorgaben und Gepflogenheiten; das Einfühlen in Situationen und Gegebenheiten. Das sind Voraussetzungen zum Erkennen von Wahrheit und hilfreicher Wegweisung, von Sensibilität und Empathie, Mitgefühl und Einfühlungsvermögen, von Verständnis und nicht wertender Offenheit. Die werden dann als grundlegende Weg- und Entscheidungshilfen einbezogen und bestimmen das eigene Denken, Fühlen, Verhalten und Handeln mit.
Achtsamkeitsübungen und Meditation, also das stille geistige Betrachten, Beleuchten, Durchdenken, Durchspüren und Erfassen von Gegebenheiten, Situationen, Entwicklungen und Möglichkeiten in ruhiger, entspannter und sicherer Atmosphäre, (bspw. die Besinnung im stillen Kämmerlein), können helfen, im Hier und Jetzt zu leben und beständigen inneren Frieden zu finden.
Gesunde Beziehungen: Wohltuende Beziehungen mit gegenseitiger Unterstützung und Wertschätzung, sind ein Ort, in dem man individuell Gehör und Rat findet. Weil man sich sehr gut kennt und gegenseitig vertraut, entfallen bedenkliches Schützen und persönliches Profilieren. Diese Beziehungen geben Halt und Sicherheit und sind Refugium für innere Klärung und seelisches Auftanken.
Kommunikation in Konflikten: Offene und ehrliche Gespräche mit den Beteiligten sind Voraussetzung, um deren Perspektiven und Bedürfnisse besser zu verstehen. Das Gespräch kann helfen, Missverständnisse zu klären, Vertrauen zu erneuern und Verbindung wieder herzustellen.
Geduld und Empathie: In Bezug auf Kinder, insbesondere auf die in der Pubertät, ist Geduld und Verständnis für deren besondere, neue und kraftzehrende Lebenssituation angebracht. Wenn der Körper sich unversehens verändert, die Hormone wallen, die Geschlechtlichkeit sich ausprägt, eigene Interessen und Bedürfnisse sich überstark Gehör verschaffen und sich ausleben wollen, dann verändert sich alles.
Der frühere vertrauensvolle Gehorsam gegenüber den Eltern wird nun durch kritisches Hinterfragen oder gar durch Negieren oder Überhören ersetzt. Autoritäres Elterngehabe wird belächelt und ignoriert. Eltern und ihre Einstellungen, Interessen und Werte werden in Frage gestellt. Jegliche Kontrollversuche werden abgelehnt. Sie ‚gehorchen‘ nur noch, wenn sie die elterlichen Weisungen verstehen, einsehen und sich freiwillig dafür entscheiden.
Die Pubertät ist biologisch gewollt und nötig, damit Kinder selbstständig werden können, sich von ihren Eltern abnabeln und selbstbestimmt und verantwortungsbewusst leben können. Die Pubertät ist eine Zeit des Umbruchs, der Neuorientierung, des Suchens und des Herausfindens eigener Stärken und Schwächen, des eigenen Erprobens in einer veränderten Umwelt. Eltern, die damit Schwierigkeiten haben, sollten sich an die eigene Pubertät erinnern.
Grenzen setzen: Da Menschen auch Individuen mit einem starken eigenen, selbstgezogenen Wollen sind, müssen zwischenmenschlich klare und respektvolle Grenzen eingehalten werden, die auf gegenseitigem Respekt, auf Liebe und Verständnis basieren. Sie werden nur eingehalten, wenn man den jeweils anderen mag und respektiert. Liebevolles Wohlwollen nimmt Rücksicht, ist geduldig, nachsichtig, friedlich und freundlich, besonders zu älteren Menschen, die nicht mehr alles auf die Reihe bekommen.
Der Mensch plant seinen Weg, aber der HERR lenkt seine Schritte. (Sprüche 16,9; HfA)
