Im Geist der Liebe – Eine Novelle
Hallo Du,
gestern Abend, in der Stille und im Nachdenken über den gerade gesehenen Film Der Buchspazierer, kam mir die kühne Idee, selbst einmal eine Novelle mit Happy End zu schreiben. Ein Versuch. Ein Wagnis?
Spontan skizzierte ich den Inhalt: „Durch die Traurigkeiten des Lebens, über Berge und Täler der Hoffnung, durch Wiesen und Felder von Humor, über Treppen oder Rutschbahnen zu Tiefe, Erkenntnis und Einklang. Die Handlung nicht aufdringlich, sondern dezent, emphatisch und geführt.“
Nur – ich hatte keine Ahnung, was eine Novelle ist und was sie ausmacht. Zum Glück gibt es ja heute die KI für gezielte Fragen und intelligente Antworten. Ich habe mich schlau gemacht und erkannt: Die Konstruktion eines Textes ist nicht mein Ding. Ich schreibe spontan nach inspirierter Eingebung. Ich schreibe intuitiv im Flow.
Ich erinnerte mich an Hemingways Der alte Mann und das Meer. Das Buch fand ich damals spannend, ergreifend, traurig. Ein verlorener Lebenskampf in Einsamkeit.
Nein, Kampf ist nicht mehr mein Thema. Ich habe gelernt, dass Heilung nicht im Widerstand liegt, sondern im Loslassen. Kämpfen kann und will ich nicht mehr. Ich habe zu viele Kämpfe gefochten und zu viele verloren. Dafür bin ich zu alt und zu schwach. Das Kapitel ist abgehakt und überwunden. Ich habe einen besseren Weg gefunden.
Hemingways Geschichte ist ein Gleichnis über Würde, Scheitern, Ausdauer und Menschsein. In diesen Bereichen treffen wir uns.
Mich leiten unter anderem diese zwei Bibelverse:
„Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2.Tim 1,7; NLB)
„Ich sage dir: Sei stark und mutig! Hab keine Angst und verzweifle nicht. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.“ (Josua 1,9; NLB)
Sie geben mir den Mut für die novella, für eine alte Neuigkeit in Form einer offenen Novelle in meiner Herzenssprache.
Ich finde zur Ruhe, öffne mich, lasse mich führen, lasse die Impulse fließen:
Es begann an einem Morgen, der sich anfühlte wie ein Übergang. Er war früh aufgebrochen, weil ihm die Wohnung zu eng geworden war für seine Gedanken. Sie war später aufgebrochen, weil ihr Herz nach Luft verlangte. Zwei Menschen, die nicht wussten, dass sie denselben Weg gewählt hatten.
Am Rand einer inneren Wiese – einer dieser Hoffnungswiesen, die nicht geplant werden können – trafen sie sich. Nicht schicksalhaft, nicht dramatisch. Nur zwei Schritte, die gleichzeitig innehielten – als hätte ihr Weg für einen Moment den Atem angehalten.
Er sagte: „Sieht rutschig aus.“
Sie sagte: „Sieht nach Abenteuer aus.“
Und sein erstes Lachen seit Tagen öffnete etwas, das keiner von beiden gesucht hatte.
Sie gingen weiter, erst mit Abstand hintereinander, dann zufällig nebeneinander, dann absichtslos gemeinsam. Er erzählte von den Tälern seines Lebens, vorsichtig, tastend. Sie erzählte von den Bergen ihrer Vergangenheit, warm, ohne Pathos. Zwischendurch begegneten sie Menschen, die ihnen Brombeeren schenkten oder sagten, sie passten zusammen wie Regen und Sonne. Sie lächelte darüber. Er errötete. Und beide spürten etwas, das noch keinen Namen hatte.
An einem Waldrand fanden sie eine alte Rutschbahn. Sie war mutig, er zögerte – und rutschte dann doch. Unten lagen sie anschließend lachend im Gras, frei wie Kinder, die vergessen hatten, dass sie erwachsen sind – und vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder spürten, wie angenehm Nähe sein kann.
Als sie aufstanden, sahen sie ein Paar auf dem Weg: Er ging voraus, sie blieb zurück. Er rief etwas Ungeduldiges, sie antwortete etwas Versöhnliches. – Stilles Erkennen. Beide lachten – nicht über das fremde Paar, sondern über das Bild, das ihnen zuflog.
Abends im Gasthaus sprachen sie leise, tranken einen guten Wein, schwiegen miteinander, als wäre Schweigen eine Sprache, die sie gemeinsam lernten – eine Sprache, die mehr sagte als Worte es konnten. Er sagte: „Ich wusste nicht, dass man mit einer Fremden so reden kann.“
Sie antwortete: „Vielleicht bist du gar nicht so fremd.“
Und sie berührte spontan seine Hand – ein Zeichen, kein Versprechen.
Am nächsten Tag schien ihnen der Weg vertrauter. Sie gingen schweigend, nicht aus Unsicherheit – aus Nähe. Er sah sie an, nicht suchend, nicht fragend. Nur sehend. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und er spürte, wie sich etwas in ihm beruhigte, das lange gewartet hatte. Sie blieben stehen. Nicht weil der Weg endete, sondern weil sie etwas spürten. Er nahm ihre Hand. Nicht fest. Nicht fordernd. Sanft. In dieser Berührung lag etwas Tiefes. Und sie wusste: Hier beginnt etwas, das nicht wieder verloren gehen sollte.
Der nächste Morgen war weit. Der Weg vor ihnen still – aber nicht leer. Beide wussten: Etwas hatte begonnen, das keinen Namen brauchte. Sie erzählte ihm eine kleine Eigenart: dass sie manchmal beim Gehen leise Melodien summte, ohne es zu merken. Sie zeigte es ihm. Er hörte zu, lächelte – und summte eine halbe Zeile zurück, leicht schief, doch neckend. Sie stieß ihn sanft mit der Schulter an. Eine Geste, die etwas in ihm öffnete.
Nachmittags entstand dann eine kleine Spannung. Ein Auftauchen, nicht verletzend. Nur echt. Ein Anstoßen, das nur zeigt und nicht bewertet. Sie merkte, dass er manchmal wegdriftete, wenn ihm etwas wichtig wurde. Er merkte, dass sie manchmal zu viel redete, wenn ihr etwas nahe ging. Sie sagte: „Ich habe Angst, zu viel zu sein.“
Er sagte: „Ich habe Angst, zu wenig zu sein.“
Und beide verstanden, dass Nähe auch Mut braucht.
Ein älterer Wanderer zeigte ihnen an einer Wegkreuzung einen schmalen Pfad zwischen zwei Wegen. „Der führt zu einem schönen Ort“, sagte er. Sie gingen ihn – nicht nach links, nicht nach rechts, sondern gemeinsam geradeaus. Ein Weg, der nicht ausgeschildert war, aber stimmte.
Auf einer Lichtung setzten sie sich auf einen Baumstamm. Sie sagte: „Ich gehe anders, wenn du neben mir bist.“
Er sagte: „Ich atme anders, wenn du da bist.“
Vertraut gingen sie in den nächsten Tag. Unterwegs fragte sie ein Kind: „Ihr seid Freunde, oder?“
Sie lächelte.
Er nickte.
Beide wussten, dass Freundschaft manchmal ein Anfang ist.
Irgendwo unterwegs verlor sie ihr geliebtes Halstuch. Das war ihr peinlich, und deswegen wollte sie es nicht suchen. Er bestand jedoch darauf. Als sie es schließlich fanden, hob er es auf, schüttelte den Staub ab und reichte es ihr wie etwas Wertvolles. „Es gehört zu dir“, sagte er.
Sie sah ihn an – und in diesem Blick lag ein leises Erkennen, vielleicht sogar ein erstes Vertrauen.
Sie gingen weiter, ohne Eile. Der Abend senkte sich langsam über das Tal wie eine sanfte Hand, die beruhigt. Schließlich kamen sie an den schönsten Aussichtspunkt der Gegend, oberhalb ihres Gasthofs. Sie setzten sich auf die Bank und sahen in die Weite. Stille. Erhabenheit.
Nach einer Weile sahen sie sich gegenseitig an. Ihr Blick war weich, klar, ungeschützt. Kein Geständnis, kein großes Wort – nur ein stilles Einverständnis, das sich zwischen ihnen formte. Sein Blick war angetan, verzaubert, berührt. Beide spürten das Licht, das niemand anzündet und das dennoch leuchtet.
Im aufkommenden Abendrot wehte der Wind einen verirrten Marienkäfer sanft in ihr glänzendes Haar. Rot. Rund. Gepunktet. Wie eine kleine Blume
Sie bemerkte es. Genoss es. Flüsterte ein stilles „Willkommen“.
Vorsichtig, ungeahnt zärtlich, löste er den kleinen Besucher aus ihrem schimmernden Haar, setzte ihn auf seine große Hand. Zeigte ihn ihr.
Sie strahlte.
Dankbar öffnete der Glücksbote seine Flügelchen und flog weiter.
Er hinterließ ein glückliches, aneinander gelehntes Paar, das erfreut und dankbar in diesem besonderen Moment verweilte.
Daraus wurde ein liebevolles: „Weißt du noch?“
