Der Angsttunnel

 

Hallo Du,

kennst Du die uralte Geschichte vom I-Land und vom O-Land?

 

Im I-Land war es oft dunkel und kalt.

Häufig regnete es. Alles wurde klamm, feucht und nass.

Ab und zu gewitterte es auch.

Die Blitze schlugen in Bäume und Häuser ein.

Die Menschen waren traurig, lustlos und genervt.

Sie gingen nur selten aus.

Wenn doch, dann nur eilig und hastig, um ihr Ziel zu erreichen.

Dabei konnte man erkennen, dass ihre Gesichter ernst,

fast maskenhaft waren.

Ihre Blicke waren fliehend, unstet, meist abgewendet.

Sie waren in sich gekehrt, in Gedanken zurückgezogen, verloren.

Selten gab es ein Gespräch.

Selten, eigentlich nie, hörte man ein Lachen.

 

Im O-Land war es oft hell und warm,

Häufig regnete es.

Die Pflanzen glänzten und erfreuten sich am Nass.

Ab und zu gewitterte es auch.

Die Blitze lieferten den Einwohnern die Energie.

Die Menschen waren fröhlich, lustig und freundlich.

Sie waren gerne unterwegs.

Sie genossen die frische Luft, das rege Treiben

und den Kontakt mit anderen.

Dabei konnte man erkennen,

dass ihre Gesichter heiter, fast gelassen waren.

Ihre Augen strahlten Sanftmut,

Wärme und aufrichtiges Interesse aus.

Sie waren offen, aufgeschlossen und feierten gerne.

Oft gab es ein interessantes Gespräch.

Oft, eigentlich sehr oft, hörte man ein Lachen.

 

Diese beiden Länder waren von alters her

durch eine hohe Bergkette getrennt,

aber einen langen, dunklen und gefährlich

anmutenden verwinkelten, engen

Tunnel verbunden.

 

Manche Menschen aus dem O-Land konnten

dem Reiz des Unbekannten  nicht widerstehen

und sie wagten es, Neues zu erkunden, Unbekanntes

zu entdecken. Sie erforschten den Tunnel,

drangen immer tiefer ein.

Eines Tages kamen sie bis ins I-Land.

Aber dort gefiel es ihnen gar nicht.

Sie trafen nur wenige Menschen,

die den Kontakt mit ihnen mieden.

Deshalb gingen sie gerne wieder zurück

in ihr eigenes Land, nach Hause.

Dort erzählten sie von ihren seltsamen

Erlebnissen und keiner wollte mehr

dieses andere Land besuchen.

 

Manche Menschen aus dem I-Land konnten

ihre Unzufriedenheit nicht länger ertragen

und sie wagten es, aus sich herauszugehen,

Neues zu erkunden, Unbekanntes zu entdecken.

Sie erforschten den dunklen, gefährlichen Tunnel

trotz ihrer Bedenken, trotz ihrer Abneigung

und trotz ihrer Beklemmung.

Sie drangen immer tiefer ein und kamen

eines Tages bis ins O-Land.

Dort gefiel es ihnen sehr gut.

Sie trafen fröhliche und freundliche Menschen,

die den Kontakt mit ihnen suchten.

Deshalb gingen sie nicht wieder zurück

in ihr eigenes Land.

 

Ihre Familien zuhause mussten also glauben,

dass diese Wagemutigen im Tunnel  umgekommen sind.

Vielleicht wurden sie von Steinen erschlagen,

vielleicht von wilden  Tieren gefressen oder vielleicht

sogar von den Berggeistern gefangen und versklavt.

Deshalb blieben sie lieber in ihrem eigenen,

unschönen Land, im trotzdem sicheren  Zuhause.

 

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