Gersfeld

 

Altersweitsicht ist Weisheit

 

Lehre uns zu bedenken, wie wenig Lebenstage

uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit

erlangen! (Ps 90,12; NGÜ)

 

Wie unerschöpflich ist Gottes Reichtum! Wie tief

ist seine Weisheit, wie unermesslich sein Wissen!

Wie unergründlich sind seine Entscheidungen,

wie unerforschlich seine Wege! (Röm 11,33; NGÜ)

 

Hallo Du,

Altersweitsichtigkeit ist für mich nicht nur eine

Fehlsichtigkeit. Ich sehe darin auch eine

zunehmende Fähigkeit älterer Menschen.

 

Da ich selbst schon älter bin, weiß ich, wovon ich schreibe.

Viele ältere Menschen haben eine weitere Sicht.

Ihr Sehen geschieht nicht mehr eingeengt durch frühere

Ängste oder Meinungen. Sie sind im Ruhestand freier,

souveräner und gelassener geworden und haben nun

mehr Zeit, um sich an dem zu erfreuen, was sie umgibt.

 

Ältere Menschen haben eine große Lebenserfahrung.

Sie blicken auf ein langes Leben zurück. Sie sind weise

geworden und haben erkannt, dass Not- und Leidens-

zeiten, dass Herausforderungen und Bedrängnisse,

intensive und stärkende Lernzeiten sind.

Diese Zeiten sorgen für persönliche Weitung und

Ergänzung, für neue Einstellungen und Werte, für

Lebensklugheit. Sie bewirken Gelassenheit und Geduld.

 

Paulus schreibt dazu in Römer 5,3-5; NGÜ:

Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen,

dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung,

Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht

zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen

in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

 

Ältere Menschen haben gelernt, nicht nur die Oberfläche,

das Offensichtliche zu sehen, sondern auch das Dahinter.

Bei Jüngeren erkennen sie nicht nur deren Hemmnisse,

sondern auch deren Ursachen. Sie haben Einsichten in das,

was andere noch einsehen müssen, was Jüngere noch nicht

erkannt haben. Ihre Lebenserfahrung hilft ihnen dabei.

Sie macht sie tiefgründiger, umsichtiger und weiser.

Durch Erfahrung haben sie gelernt, was wirklich wichtig ist.

Sie haben gelernt, dass Lebensziele wie Spaß haben, Wohlstand

oder Status nicht brüchig und nicht dauerhaft sind, sondern

dass beispielsweise Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freund-

lichkeit, Güte, Verständnis, Treue, Rücksichtnahme,

Besonnenheit und Selbstbeherrschung erfüllender und

sinngebender sind. Denn die sind die Grundlage für alles

andere. Ohne Liebe ist alles was wir haben, können und

tun nichts wert.

 

Ältere Menschen werden gebrechlicher und immer

hilfsbedürftiger. Sie denken deswegen auch über ihre

Endlichkeit und den Tod nach. In ihrem Umfeld sterben

immer mehr Menschen und sie fragen sich, ob der Tod

wirklich das absolute Ende ist.

Sie hinterfragen die Bedeutung und dem Sinn des eigenen

Lebens und finden oft keine befriedigenden Antworten.

Ihr Blick richtet sich dann vielleicht auch gen Himmel

und suchen dort nach Antworten, nach Gott, nach der

Erkenntnis, ob es weitergeht, ob es ein übergreifendes,

ewiges Leben für sie gibt.

Im Hinterfragen wird ihnen bewusst, wie kostbar die

vergangene Lebenszeit war und wie wertvoll die ihnen

noch verbleibende Zeit ist. Sie fragen sich, was sie wirklich

in ihrem Leben erreicht haben welche Bedeutung ihr

Leben hatte, was versäumt haben und was noch

erleben oder erreichen wollen.

Sie fragen sich auch, welche Spuren sie anderen hinterlassen

werden. Das kann auch enttäuschend sein.

Vielleicht erkennen sie auch die Bedeutung von Familie,

die ihrem Leben Sinn gab, der sie Halt gegeben haben, in

der sie Zukunft vorbereitet haben, in der sie immer noch

Ruhe und Geborgenheit finden.

Und viele fragen sich, von wem und wofür sie noch gebraucht

werden und wem sie Gutes tun können. Ihre Liebe möchte

weitergegeben werden.

 

In der Lebenssituation von älteren Menschen bekommen

die Worte Glaube, Liebe und Hoffnung eine tiefe

Bedeutung:

Sie haben erkannt, dass Glaube wie ein Fenster ist,

durch das das noch Unsichtbare sichtbar wird, dass

Glaube auch eine Tür ist, durch die das Sichtbarge-

wordene in die Realität kommt.

Glaube öffnet unseren Geist, den Verstand, für das,

was wir für Unmöglich halten und weitet ihn. Glaube

verändert die Wahrnehmung und das Geschehen.

Durch das Glaubensfenster und die Glaubenstür kommt

Gott, wirkt Gott in unserem Leben. Glaube bereichert.

Glaube schenkt höherer Einsicht und Erkenntnis.

Unser Glaube und das damit verbundene Beten und

Hoffnungen, bewirkt Erhörung; ermöglicht, dass unsere

Bitten ohne eigenes Zutun von Gott wundersam erfüllt

werden. Auch diese Erkenntnis beruht auf Lebenserfahrung.

 

Paulus formuliert das in Hebräer 11,1 so:

Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der

Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein

von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge. Glaube ist

demnach Weitsicht, Voraussicht und Zuversicht.

 

Leider gibt es viele Menschen ohne Glauben, ohne

Gottvertrauen, die das alles nicht wissen und die davon

ausgehen, dass ihr Wissen und ihr Können, dass nur

ihre Meinungen und Überzeugungen allgemein richtig

und auch für andere gültig sind. Sie setzen ihre ‚Weisheit‘

ein, um Anerkennung zu bekommen oder um einflussreich

oder erfolgreich zu sein.

Die Erfahrung aber zeigt, dass sie früher oder später an sich

selbst scheitern, denn diese Einstellung führt immer ins

menschliche Abseits.

Anders ist das bei Menschen mit einem Gottesbezug.

Seit jeher haben sie erkannt, dass sie, trotz etwaiger

Erfolge, im diesseitigen Leben immer begrenzt und

unvollkommen bleiben und auch, dass Gott Menschen

ganz individuell führt, auch, um sie vor eingebildeten,

besserwissenden Menschen zu bewahren.

 

Liebe: Was ist Liebe? Es geht dabei ums Lieben und ums

Geliebt werden. Liebe ist viel mehr als das Gefühl, zu

jemandem hingezogen zu sein; viel mehr, als eine auf

körperlicher, geistiger oder seelischer Anziehung beruhende

Bindung; viel mehr, als ein Mögen oder Begehren.

Liebe ist eine Grundeinstellung und Haltung. Sie zeigt sich

im Denken, Fühlen, Verhalten und Tun, im ganzen Sein.

Sie ist oder sie ist nicht. Wenn sie ist, dann ist sie umfassend

und offen, selbstlos und hingebungsvoll.

Paulus beschreibt uns die Liebe in 1.Kor 13, die Liebe, die

Jesus uns vorgelebt hat. U.a. schreibt er:

 

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen

Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.

Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen

Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt

keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht

geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.

Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie,

allem hält sie stand.

 

Demnach ist Liebe das Fundament des Lebens, das Zentrale.

Das Lebenswichtigste. Liebe ist seelische Nahrung.

Liebe ist u.a. Mitmenschlichkeit, Zuwendung und Anteil-

nahme, Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, Achtung

und Verantwortung.

Liebe bewirkt in uns Lebensmut und Hoffnung, Vertrauen

und Gelassenheit, Sicherheit und inneren Frieden,

Stärke und Hilfsbereitschaft.

Ja, Liebe ermöglicht sogar das Unmögliche.

Ohne Liebe können besonders Kinder und alte Menschen

nicht auskommen. Und manche Älteren bedauern, dass

sie diese Weisheit nicht schon viel früher hatten, denn

ein Leben ohne gegebene und erhaltener Liebe ist ein

trauriges Leben, ein mühevolles, freudloses und

erbärmliches Leben.

 

Diese wahre Liebe wünschen Großeltern ihren Kindern

und Enkelkindern. Ihre Altersweitsicht möchte, dass ihr

Leben gelingt; möchte, dass sie zu dieser Liebe finden;

möchte, dass sie zu Gott finden, der diese Liebe ist und gibt.

Ihre weitsichtigen Liebe sieht die Ihren anders.

Sie erkennen auch das Schlechte, bauen aber auf das Gute

in ihnen. Liebend, wohlwollend und ihnen zugewandt

vertrauen sie darauf, dass das Gute sich in deren Zukunft

mit Gottes Hilfe voll entfalten wird und dass Liebe sie

durch ihr ganzes Leben führen wird.

Und weil sie den besonderen Wert von Gott, Glaube und

Liebe in ihrem eigenen Leben erkannt haben hoffen sie,

dass auch ihre Nachfahren Jesus suchen und finden, ihn

annehmen, auf ihn hören, von ihm lernen und sich an

ihm ausrichten. Schließlich wünschen sie ihnen nur

das Beste.

 

Hoffnung: Je älter man wird, desto mehr erkennt man,

dass das alles Schöne, Gute und Wertvolle im Leben keine

Zufälle, sondern immer Geschenke Gottes sind, Geschenke,

die aus eigenem Bemühen nie erreichbar wären.

Deshalb ist ihnen Hoffnung, zuversichtlicher Glauben

sehr wichtig. Sie leben in positiver Erwartung dessen, was

noch auf sie zukommen wird und sie freuen sich bewusst

an dem, was sie noch können und haben. Sie merken, dass

die Kraft nachlässt und dadurch einiges schwieriger wird.

Gerade deswegen setzen sie aufs Hoffen für ihre Zukunft.

Dieses Hoffen ist ein Art Optimismus, ist Zuversicht in das,

was noch kommt. Sie glauben an die Liebe und Güte und

Fürsorge Gottes. Sie bauen darauf, dass er für sie sorgt und

ihnen beisteht, dass er ihnen hilft, besonnen zu sein, ein

glaubwürdiges Leben zu führen, verantwortungsbewusst

zu handeln und sich im Glauben, in der Liebe und in der

Geduld zu bewähren. Ihre Weitsicht richtet sich vorwiegend

auf Gott. Ihm nahe zu sein, ist ihr Glück.  Ihm nahe zu sein,

gibt ihnen Frieden und lässt sie Schwieriges ertragen.

 

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