In tiefer Trauer

 

Hallo Du,

kennst du die Binsenwahrheit: ‚Das Leben beinhaltet Höhen und Tiefen‘. Nun, das stimmt. Auf die schmerzenden und verunsichernden Tiefen würden wir gerne verzichten, doch gerade die brechen etwas in uns auf. Sie können uns in mehr oder weniger starkes Trauern führen. Aber auch zur Besinnung und Überprüfung unseres Seins und Geschehens, des eigenen Verhaltens, der eigenen Wünsche und Hoffnungen, der eigenen Einstellungen, Erwartungen, Ansprüche und Ziele, der gemachten Fehler und deren vermutlichen Ursachen und Auswirkungen, dem möglichen Anteil, den wir bewusst oder unbewusst daran hatten.

 

Daraus lernen wir. Daraus entstehen einprägsame, verändernde Lebenserfahrungen. Die ermöglichen, Altes loszulassen und Neues anzunehmen. Sie führen zu Veränderung im Gewohnten oder Festgefahrenen. Sie bewirken wachsen und reifen. Sie sind nötig, um das Weiterleben, das Überleben, zu garantieren. Sie stellen uns vor die Wahl: Entweder zu hoffen und die Zukunft klüger zu gestalten oder zu resignieren und in Selbstmitleid zu versinken.

 

Was ist Trauer? Trauer drückt den seelischen Schmerz über einen Verlust aus. Trauern ist intensives Empfinden von Verlassenheit und Ohnmacht. Trauern ist die Zeit, die die Liebe braucht, um neue Wege zu den Betrauerten zu finden und mit sich selbst wieder klar zu kommen.

 

Dazu vier Bibelzitate:

Gekrümmt und von Leid zermürbt schleppe ich mich in tiefer Trauer durch den Tag. (Ps 38,7; HfA)

 

Schmerz und Trauer haben mich fast blind gemacht; ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. (Hi 17,7; HfA)

 

Kummer ist besser als Lachen, Trauer verändert den Menschen zum Guten. (Pred 7,3; HfA)

 

Die Mädchen tanzen im Reigen, die jungen Männer und die Alten feiern miteinander. Denn ich verwandle ihre Trauer in Freude, ich tröste sie und mache sie wieder froh nach all ihrem Leid. (Jer 31,13; HfA)

 

Ich erkenne für das Trauern drei Ursachen:

  1. Wir erleben einen plötzlichen, einschneidenden und unverständlichen Verlust an Sicherheit und Geborgenheit, oder an Heimat und Eigentum, oder an Ehre, Ansehen und Prestige. Darauf reagieren wir emotional und seelisch.

 

  1. Ein uns vertrauter Mensch oder wir selbst werden plötzlich sehr krank und es drohen Siechtum oder gar Tod.

 

  1. Wir haben einen vertrauten und geliebten Menschen durch Tod oder Trennung verloren.

 

Wir hadern dann mit dem eigenen Schicksal oder mit dem von uns nahestehenden Menschen. Wir trauern aus Anteilnahme und Verbundenheit und zeigen darin Liebe und Treue. Wir trauern aber auch wegen der schicksalhaft erzwungenen Veränderung des uns Gewohnten und Bequemen, des Liebgewonnen, des mühsam Erreichten. Wir leiden unter dem plötzlichen Zwang zur Umstellung. Da das Leben aus Werden und Vergehen besteht, aus ständiger Anpassung und Weiterentwicklung, aus stetiger Veränderung und Erneuerung, sind Freude und Trauer für mitfühlende Menschen ständige Begleiter.

 

Wie erleben wir Trauer? Was geschieht dabei mit uns?

Zunächst sind wir schockiert. Wir wollen nicht wahrhaben, was geschehen ist. Dem Schock folgen Traurigkeit und Schmerz, emotionale Niedergeschlagenheit und mangelnde Lebensfreude. Irgendwie fühlen wir uns leer, verunsichert, gekränkt oder verletzt. Wir hadern mit dem Schicksal, entwickeln Zukunftsängste und reagieren oft mit seelischem Rückzug. Wir leiden unter Desorientierung, Schlafstörung, Vergesslichkeit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Konzentrationsmangel und Lethargie. Wir fühlen uns unwohl, müde, niedergeschlagen, verlassen und irgendwie schuldig. Und all das ist völlig normal. Es gehört zum Trauern, zu dem Prozess von Verarbeiten, Bewältigen und Überwinden des Verlustes. Trauern dient dem Ablösen, dem ‚Sich neu finden‘, dem ‚Wieder zu sich finden‘, dem Weiterleben.

Unsere inneren Wunden brauche Zeit, zu heilen. Die Seele, sich damit abzufinden. Das Herz, sich mit dem Verlust zu versöhnen. Der Verstand, sich wieder dem Hier und Jetzt zuzuwenden und den Blick darüber hinaus in die Zukunft zu richten, um sie mit wiedergefundenem Gleichgewicht, mit Vertrauen, Freude und Lebensmut anzugehen.

 

Wie reagierst du auf Verlust?

Stürzt du dich in Aktivitäten, um dich abzulenken, um den Schmerz zu verdrängen und um zu vergessen? Oder ziehst du dich zurück? Kreiseln Erinnerungen in deinem Kopf, die das Verlorene oder die Verlorenen in Gedanken, Bildern und Gefühlen in Verbundenheit zurückholen? Das ist vorübergehend Balsam für die geschundene Seele. Doch darin wird auch

bewusst, dass das Geschehene endgültig ist, dass die Realität jetzt anders ist, dass eine Bindung zerschnitten wurde. Und diese Erkenntnis erschreckt, löst Bedrückung, Ohnmachtsgefühle, Depression oder Wut aus und kann zu Suche nach Schuldigen, zu Klage, Anklage und Selbstbeschuldigung führen. Oder willst du dir deinen Kummer von der Leber reden? Suchst du das Gespräch mit Familienmitgliedern, mit Freund*innen oder mit anderen Menschen deines Vertrauens, bei denen du Verständnis, Zuwendung und Halt findest, bei denen du in deinem Schmerz und in deinem Gram nicht alleine bist, bei denen du dein Leid (mit)teilen kannst. Meide den Kontakt mit anderen nicht. Sie werden dich verstehen und in der Trauer deine Ohnmacht, aber auch deine Liebe erkennen und dir beistehen, sofern du es zulässt.

 

Trauern ist ein Prozess, der im Kopf beginnt und bis in jede Körperzelle wirkt. Trauern ist Inventur und Standortbestimmung. Trauern erfasst und prüft, verwirft oder ergänzt, ordnet neu. Der Verstand will den Verlust nicht Wahrhaben und verleugnet ihn. Er reagiert mit: „Es darf nicht wahr sein.“ oder mit: „Das ist nur ein böser Traum!“ Doch die Realität ist auf Dauer, nicht zu täuschen. Sie ist kalt, ernüchternd und macht starr vor Entsetzen.

 

Danach, in Erkenntnis der eigenen Ohnmacht, brechen heftige Emotionen auf. Trauer, Wut, Freude Zorn, Angst und Ruhelosigkeit beherrschen die Trauernden und rauben ihnen die Ruhe und den Schlaf. Es werden Auswege gesucht, auch Schuldige. Im Hadern mit dem Schicksal treten auch Schuldgefühle auf. Habe ich vielleicht zu dem Ereignis beigetragen? Was hätte ich dagegen tun können oder tun müssen? Gab es vielleicht noch Probleme oder Streitigkeiten, die vorher hätten geklärt und beigelegt werden müssen?

 

Gräme dich nicht! Das hilft nicht weiter. Bereinige, was noch zu bereinigen ist. Spreche nachträglich mit der/dem Verstorbenen und erzähle ihr/ihm, was dich bedrückt oder quält, was dir leidtut, was du nun anders machen würdest. Unterdrücke deine Gefühle nicht. Weine über den Verlust. Freue dich über gemeinsam geteilte Wonne. Erlebe deinen Schmerz und deine Aggressivität ganz bewusst, damit du nicht in andauernden Depressionen versinkst. Die perspektivlose Aufgewühltheit ist der unangenehmste Teil des Trauerns. Im Rückzug und in mühsam aufrechterhaltener Selbstkontrolle gleitet man leicht in Hilflosigkeit und Isolation ab. Dann werden Zuwendung und Hilfe von Freunden oder Verwandten manchmal abgewiesen, obwohl man sich die gerade wünscht. Man empfindet sie als zu aufwühlend.

 

Diese Phase führt aber auch dazu, dass man nach innerer Klärung, nach seelischem Gleichgewicht, nach Neuanfang und erneutem Frieden sucht. Die Auseinandersetzung mit dem ‚Schlimmen‘ ist nun nicht mehr chaotisch. Die Vergangenheit wird in Träumen oder Gesprächen, in wiederholt durchlebten Situationen oder Gefühlen, anhand von Bildern, Erinnerungen und Gegenständen abgearbeitet, dann ins eigene Erleben einsortiert und als Lebenserfahrung für künftiges Geschehen abgespeichert. Das bewirkt Lösung von den aktuellen Bedrängnissen.

 

In der Erinnerung wird der geliebte, gegangene Mensch zu einem Vertrauten, zu einem inneren Begleiter und Berater, mit dem man dann in Beziehung tritt und der möchte, dass du lebst, erlebst und liebst, dass du dich weiterentwickelst und in den Krisen wächst. Ihre/Seine Liebe für dich bleibt bestehen. Sie/Er möchten immer noch das Beste für dich. Du kannst jetzt loslassen! Das Vergangene ist dir jederzeit zugänglich, aber es beherrscht und überfällt dich nicht mehr. Dein Leben geht weiter. Du hast den Verlust akzeptiert. Die Trauer vergeht. Langsam kehrst du zurück ins Leben und bist bereit, neue Aufgaben, neue Beziehungen, neue Rollen, neue Verhaltensmöglichkeiten und neue Lebensstile anzunehmen. Dir ist bewusst geworden, dass jede Beziehung vergänglich ist, dass das Leben den Tod einschließt, dass Verluste zwar schwer zu ertragen, aber auch überwindbar sind und dass sie auch Neues ermöglichen. Und auch, dass der Augenblick, das ‚Jetzt‘ eine hohe Bedeutung hat und ausgekostet werden sollte. Carpe Diem.

Aus christlicher Sicht kann Trauer in neue Vorstellungsdimensionen führen. Der Tod ist nur ein Übergang in das ewige Leben bei Gott, in ein Leben ohne Mühsal und Schmerz, in ein Erleben voller Liebe, Verständnis, Barmherzigkeit, Vergebung und Gnade. Und wenn du es zulässt, beginnt dieses ewige Leben bereits im Diesseits. Im Jenseits wird es fortgesetzt.

 

Psalm 30, 2-13

Ich will dich preisen, Herr, denn du hast mich aus einem tiefen Abgrund heraufgezogen und meinen Feinden keinen Triumph über mich gegönnt. Herr, mein Gott, im Gebet schrie ich zu dir, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich aus dem Totenreich zurückgeholt und mir das Leben wieder neu geschenkt. Vor dem sicheren Tod hast du mich bewahrt. Singt und musiziert für den Herrn, alle, die ihr ihm die Treue haltet! Preist ihn, den ihr als den heiligen Gott kennt. Denn nur einen Augenblick dauert sein Zorn, aber ein Leben lang seine Güte. Noch am Abend weinen wir – doch am Morgen kehrt wieder Jubel ein.

Als es mir gut ging, war ich sorglos und dachte: »Niemals werde ich zu Fall kommen!« Herr, du warst sehr gnädig zu mir. Du gabst mir Schutz wie eine sichere Festung auf einem hohen Berg. Doch als du dich vor mir verbargst, da war ich ohne jeden Halt. In meiner Not schrie ich zu dir, Herr, ich rief zu dir um Hilfe:

»Willst du, dass mein Leben zu Ende geht und dass man mich zu Grabe trägt? Welchen Wert hätte das für dich? Kann ein zu Staub zerfallener Mensch dich preisen und deine Treue verkünden? Höre mich doch, Herr, und sei mir gnädig! Herr, sei mein Helfer!« Ja, du hast mein Klagelied in einen Reigentanz verwandelt! Den Trauermantel hast du mir ausgezogen und mich in ein Festgewand gekleidet. So singe ich von ganzem Herzen zu deiner Ehre – nie werde ich schweigen. Herr, mein Gott, für immer und ewig will ich dich preisen!

 

In Joh 16,4-14 bereitet Jesus seine Jünger schonend auf seinen Tod und ihre Trauer vor. Er möchte, dass sie darüber hinausblicken, dass sie das Gute darin erkennen und dafür offen bleiben, darauf hoffen und nicht verzagen und es dann auch annehmen.

„Ich sage euch das, damit ihr nicht überrascht seid, wenn dies alles eintrifft. Bisher war es nicht nötig, davon zu reden, weil ich ja bei euch war. Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Keiner von euch fragt mich, wohin ich gehe, denn ihr seid voller Trauer über das, was ich euch gesagt habe. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist besser für euch, wenn ich gehe. Sonst käme der nicht, der euch an meiner Stelle helfen soll. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, werde ich ihn zu euch senden. Und ist er erst gekommen, wird er den Menschen die Augen für ihre Sünde öffnen, für Gottes Gerechtigkeit und sein Gericht. Ihre Sünde ist, dass sie nicht an mich glauben. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass er sich zu mir bekennt und ich zum Vater gehe, wenn ihr mich dann auch nicht mehr sehen werdet. Und Gottes Gericht werden die Menschen daran erkennen, dass der Teufel, der Herrscher dieser Welt, bereits verurteilt ist. Ich hätte euch noch viel mehr zu sagen, aber jetzt würde es euch überfordern. Wenn aber der Geist der Wahrheit kommt, hilft er euch dabei, die Wahrheit vollständig zu erfassen. Denn er redet nicht in seinem eigenen Auftrag, sondern wird nur das sagen, was er gehört hat. Auch was euch in Zukunft erwartet, wird er euch verkünden. So wird er meine Herrlichkeit sichtbar machen; denn alles, was er euch zeigt, kommt von mir.

 

Dazu zwei Gedichte:

 

Trennung – Es ist vorbei

Ich habe dich geliebt,

leidenschaftlich,

aufmerksam,

zärtlich,

hingebungsvoll

und jetzt – Leere.

 

Ist es mit uns aus und vorbei?

Wirklich?

Endgültig?

Für immer und ewig?

Einfach so?

Warum?

Bin ich für dich gestorben?

 

Ich will es nicht wahrhaben.

Hat es etwas mit mir zu tun?

Was habe ich falsch gemacht?

Es schmerzt.

Es ist nicht leicht.

Ich kann dich nicht vergessen.

Es dauert.

 

Tränen.

Fasten.

Tränen.

Rückzug.

Tränen.

Tränen.

 

Nun, ich akzeptiere.

Endlich.

Du warst.

Es hat nicht sollen sein.

Je ne regret de rien.

Rien de vaplui.

 

Auch mein Leben geht weiter.

Ich lasse los.

Lasse dich deinen Weg gehen.

Muss meinen wiederfinden.

Brauche wieder Gleichgewicht.

Es ist vorbei.

Endgültig!

 

Wie geht es weiter?

Es geht weiter.

Leidenschaft schafft Leiden.

Ich habe dich schätzen gelernt.

Das Schöne werde ich nicht vergessen.

Das andere schon.

Ich muss!

 

Alles Gute für dich.

Vergesse deine Liebe nicht.

Sie will, sie muss fließen.

Auch ich kann sie wieder geben.

Sie ist das Schönste,

das Wertvollste, was wir haben,

was wir verschenken können.

Ade.

 

 

 

Tod

 

Verzeih mir.

Ich muss gehen.

Werde hier abberufen.

Muss dich zurücklassen.

Kann nicht bei dir bleiben.

Es ist mein Schicksal.

Gott will es so.

Es ist gut so!

 

Ich liebe dich,

habe dich immer sehr geliebt

werde dich auch weiterhin lieben

und möchte,

dass du weiterlebst,

dass du einen neuen Weg ohne mich findest,

dass du deine Lebensaufgabe zu Ende führst,

wieder Gemeinschaft hast,

wieder liebst,

wieder glücklich bist.

 

Wir vergessen uns nicht.

Wir sind uns weiterhin nahe,

in Vertrautheit verbunden,

denken aneinander,

sprechen miteinander.

 

Ich baue darauf:

Wir sehen uns wieder!

Der Tod ist nicht das Ende.

Er ist ein Übergang,

den unsere Liebe überwindet.

Im Jenseits, bei Gott,

in seinem Reich

werden wir wieder vereint.

 

Bitte nutze deine verbleibende Zeit.

Lebe, liebe, vertraue und vergebe!

 

 

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