Des Lebens müde?

 

Hallo Du,

wer sich immer wieder einen Hang hinaufmüht und dann

doch wieder abrutscht, der fragt sich, ob er weiterhin

diesen kräftezehrenden Weg gehen soll.

Wer immer wieder für ein Vorhaben Kraft aufwendet,

ohne eine Veränderung zu erreichen, der investiert

irgendwann seine Energie nicht mehr.

Wer immer wieder neue Anläufe macht, um ein Ziel zu

erreichen, es aber nicht erreicht, der zermürbt allmählich.

 

Wer eine Arbeit machen muss, die ihn auf Dauer nicht

erfüllt und bestätigt, der wird dabei krank.

Wer in einer Beziehung keinen Sinn mehr sieht,

der verzweifelt und zieht sich zurück.

Wer seine Liebe nicht mehr fließen lassen und

verschenken kann, hat das Gefühl nicht mehr gebraucht

zu werden und wird des Lebens müde.

Er sehnt sich nach Loslösung, Erlösung, Befreiung und

Unabhängigkeit, nach dauerhafter Ruhe und innerem Frieden.

Er flieht vor der Last und der Belastung.

Er resigniert und zieht sich in eine heile Gedankenwelt zurück,

in der er noch etwas gilt und in der er noch etwas

angenehmes erlebt.

Wird er dann auch noch in diesem Refugium bedrängt

und gestört, dann sehnt er sich nach einer endgültigen

Trennung und einem Weggang vielleicht

über Krankheit in den Tod.

 

Er fragt sich:

“Wozu lebe ich noch, wenn mein Leben nicht mehr

lebenswert ist?“

 

Dieser Mensch sagt zu sich:

Wo nur, kann ich Ruhe finden?

Wo nur, darf ich sein?

Wo find’ ich mein Ruhekissen?

Wo nur – bin ich mein?

 

Steh’ ich hier im Dauerregen;

Blitze zucken, Donner grollt.

Kann mich kaum noch frei bewegen!

Hab’ ich das denn je gewollt.

 

Mir fehlt die Kraft, es noch zu wenden;

Bin müde und verzagt.

Es bleibt mir nur – es zu beenden;

Hab’ mich genug geplagt!

 

Drum geh’ ich jetzt, wohin mir bleibt,

wo ich die Ruhe find’;

wo sich niemand mehr an mir reibt,

wo ich sein darf – ein himmlisch’ Kind.

 

Aber natürlich möchte kein Mensch wirklich aus dem

Leben fliehen.

Er möchte eigentlich nicht aufgeben, sondern lieber

   eine sinnvolle Aufgabe haben, in die er seine Gaben

   und Fähigkeiten einbringen kann.

Er möchte lebhaft und lebendig am Leben teilnehmen.

Er möchte sinnvolles tun und gebraucht werden.

Er möchte geliebt und geachtet werden.

Er möchte in seinem Wesen gewürdigt werden.

Er möchte sich verschenken und angenommen sein.

Er möchte seine Liebe zeigen und darin aufgehen.

 

In diesem inneren Widerspruch gibt es zwei Aspekte:

Es geht um die eigenen Ziele und die eigene Einstellung

   zu sich und zu anderen.

Es geht um fremde Erwartungen und deren Einstellung

  zu mir.

Es geht um Selbstbewusstsein und Standfestigkeit

   und auch um Beziehung und Beziehungsfähigkeit.

Es geht besonders um das eigene Selbst- und Fremdbild.

 

Wie sehe ich mich? – Wie sehen andere mich?

Was halte ich von mir? – Was halten andere von mir?

 

Zum Selbstbild:

Wie sehe ich mich?

Bin ich bereit,..

.. meine Ziele zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern?

..dazuzulernen und mich zu verändern?

.. mich durchzusetzen, wenn meine Grenzen erreicht sind?

 

Welche Ziele, Einstellungen und Werte habe ich?

Lebe ich oder werde ich gelebt?

Wo habe ich mich abhängig gemacht?

Lasse ich zu, dass andere über mich bestimmen?

Sage ich klar und deutlich, was mir gefällt und was nicht?

Was lasse ich mir gefallen und warum?

Investiere ich Kraft in die Distanz,

   die mich interessant macht und die mir Nähe ermöglicht?

   Distanz dient doch der Selbstfindung!

Bin ich für andere Transparent

   und teile ich mit ihnen, was mich bewegt?

Teile ich mich und mein Leben mit ihnen?

Gebe ich ihnen Einblick in mich?

Nur wer vertraut, wird Vertrauen erhalten.

Nur wer versteht, kann verständnisvoll sein.

 

Zum Fremdbild:

Wie sehen mich andere ?

Menschen neigen dazu, andere zu bewerten und zu

   klassifizieren.

Sie neigen dazu, sich über vermutlich Schwächere zu stellen

   und ihnen weiterhelfen zu wollen, ohne deren Einverständnis.

Sie machen sich ein (vorschnelles) Bild von und stempeln ab.

Sie schieben sie in Schubladen, auf denen geschrieben steht:

    ‚langweilig, faul, verträumt, unfreundlich, schlampig,

    anstrengend oder …

Sie werden bewertet, eingestuft, abgelegt und weggeräumt,

um sie bei Bedarf (zur Selbstbestätigung) wieder hervorzuholen.

Ihnen gegenüber besteht eine negative Voreinstellung,

die sich im Umgang mit ihnen direkt oder indirekt ausdrückt

und die bewirkt, dass der andere sich (zu Recht) zurückzieht.

Dadurch scheint sich die subjektive Voreinstellung zu bestätigen.

Dadurch glaubt der Vorbehaltvolle, Recht zu haben und im

Recht zu sein.

 

In welche Schubladen haben wir andere gesteckt?

Lassen wir sie da auch wieder raus?

Haben sie die Chance zur Rehabilitation?

Sind wir bereit, sie besser kennen zu lernen?

Sind wir bereit, unsere Meinung über sie zu ändern?

Sind wir bereit uns einzugestehen, dass wir uns geirrt haben?

Können wir toleant sein und andere so annehmen, wie sie sind?

Haben wir trotzdem Achtung ihnen gegenüber?

 

Es geht hierbei auch um Hackordnung, Einfluss und Lorbeeren.

Muss ich mich über andere erheben, um jemand zu sein?

Brauche ich eine ständige Bestätigung?

Liebe ich mich selbst genug, um mir zu genügen?

Ruhe ich in mir selbst und bin darin unabhängig von anderen.

Erkenne ich, dass ich im anderen mein eigenes Spiegelbild sehe?

Erkenne ich darin die eigenen Ängste, Hoffnungen und Schwächen?

Erkenne ich in meinen Vorwürfen gegen andere die versteckten

Vorwürfe gegen mich selbst?

Erkenne ich, dass ich mich zuerst an der eigenen Nase ziehen sollte,

bevor ich sie anderen lang ziehe?

 

Die Bibel gibt uns in Lukas 6, 41-42 gutes Beispiel dafür:

„Was aber siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,

den Balken in deinem eigenen Auge aber nimmst du nicht wahr?

Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, erlaube,

ich will den Splitter herausziehen, der in deinem Auge ist,

während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst?

Heuchler, entferne zuerst den Balken aus deinem Auge.

Dann wirst du klar sehen und kannst

den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen“.

 

Ich sage es sehr deutlich:

Ständig meckerst du an anderen herum und greifst sie damit an.

Ständig kritisierst du sie; besonders die, die dir sehr nahe stehen.

   Du willst sie erziehen, umerziehen und dir gefügig machen.

   Du drängst dich ihnen auf und willst sie dir unterwerfen.

Ständig willst du dich beweisen, dein Ich zeigen und sie dominieren.

Du willst aus ihnen das machen, was du nicht bist.

Du willst sie zu etwas formen, wozu dir selbst der Mut fehlt.

   Vielleicht willst du in deiner Unsicherheit erst an anderen sehen,

   ob die Erwartungen, die andere einmal an dich hatten, gut sind

   und sich positiv auswirken, bevor du bereit bist,

   in dich zu gehen, an dir selbst zu arbeiten und dich zu verändern.

 

Dieser Mensch sagt:

Ich möchte doch nur das Beste!

Ich lebe doch dafür!

Ich brauche eine Stellung!

Ich bin für dich die Tür!

 

Ich gebe, strebe, hebe;

ich opfere mich auf!

Ich Hoffnung in dich lege;

ich stütze deinen Lauf!

 

Doch du weißt’s nicht zu schätzen;

du hörst nicht, willst’s nicht tun.

Du lässt mich mühsam schwätzen,

und bist dagegen immun!

 

Ich will doch nur das Beste!

Ich lebe doch für dich!

Ich sorg’ für deine (saubere) Weste!

So hör’ doch endlich auf mich!

 

Warum nur will’s nicht klappen?

Warum nur ständig Streit?

Warum mein blindes Tappen,

mein heimlich’ Futterneid?

 

Was will ich nur erreichen?

Was ist mein wirklich’ Ziel?

Ist’s eigenes ausweichen?

Ist’s machtgerangelnd’ Spiel?

 

Wer mit anderen ständig unzufrieden ist, hat in sich selbst

keinen Frieden.

Wer andere kritisiert, kritisiert immer auch sich selbst.

Du bist mit dir nicht zufrieden!

Du nimmst dich nicht an!

Du liebst dich selbst nicht!

Du findest dich unausstehlich und bist es dadurch.

Du hältst dich für unvollkommen, dumm oder unwürdig

und bist es dadurch.

Du empfindest dich ungeliebt und ungeachtet und wirst

es dadurch immer mehr.

Deine Denken beeinflusst deine Gefühle und Empfindungen.

Dein Selbstbild verfestigt sich und überträgt sich nach außen.

Dein innerer Mangel rächt sich an deinen Mitmenschen

(die dafür nichts können).

Dein Selbstmitleid verstärkt deine Attacken und macht

dich unerträglich.

 

Du entscheidest, durch welche Brille du dich, die Welt

und deinen Nächsten siehst.

Du entscheidest darüber, wie andere dich sehen.

Du bist verantwortlich für dein eigenes Verhalten.

Du bist verantwortlich für deine eigene Misere.

 

Also lasse deine Unzufriedenheit nicht an anderen aus,

sondern gehe in dich und gebe deinen überzogenen

Selbstbezug auf. Du bist nicht das Opfer, sondern hast

dich zum Opfer gemacht.

 

Diene gerne, in Demut und ohne Murren und stelle dich

verantwortungsbewusst in die erste Reihe

und halte deinen Kopf für dein Reden und Handeln hin.

 

Schwimme nicht mit und laufe nicht hinterher, sondern

handle selbst. Mache dich öffentlich angreifbar und finde

darin dein Gleichgewicht.

Verantworte! – Antworte selbst auf deine Lebensfragen.

Finde eigene Wege und Worte für deinen Lebensauftrag.

Es geht dabei nie um dich!

Es geht immer um die Gemeinschaft.

Du bist! – Das ist deine gottgegebene Anerkennung!

Was du tust, tust du allein für Gott.

Vor ihm verantwortest du dein Handeln.

Vor ihm hast du die Pflicht, liebevoll zu sein und zu bleiben.

Vor ihm bist du gleichwertig, gleichrangig, gleichgestellt.

Er ist der Maßstab auch für dich.

Bei ihm zählt nicht, was du tust, sondern nur,

weshalb und wie du es tust.

Bei ihm zählt nur, wie du mit anderen umgehst.

Bei ihm zählt, ob du ihn suchst und brauchst – oder nicht.

 

 

Ich habe hier das Aufeinandertreffen zweier

grundverschiedener Menschentypen gesehen, deren Streit

vorprogrammiert ist.

Sie sprechen nicht die gleiche Sprache und sie handeln

aneinander vorbei.

Sie erdulden sich (gerade noch) und leiden untereinander.

Weil sie den Liebesmaßstab verloren haben,

rangeln sie um ‚Recht haben’, um Anerkennung und um

Eigenständigkeit.

Sie reiben sich aneinander auf, zermürben sich und

werden des Lebens müde.

 

Ihnen sage ich mit der Bibel:

„Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, aus

ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand

und liebe deinen Mitmenschen, so wie du dich

selber liebst!“ (Mt 22,37-38)

 

„Maßstab eures Redens und Handelns soll das

Gesetz Gottes sein, das euch zur Liebe verpflichtet

und euch Freiheit schenkt. Danach werdet ihr

einmal gerichtet.“ (Jak 2,12)

 

„Richtet nicht über andere, dann wird Gott auch nicht

über euch richten! Verurteilt keinen Menschen, dann

wird Gott euch auch nicht verurteilen!

Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird

Gott auch euch vergeben. Gebt, was ihr habt, dann wird

Gott euch so reich beschenken, dass ihr gar nicht alles

aufnehmen könnt. Mit dem Maßstab, den ihr an andere

legt, wird Gott auch euch messen.“ (Lk 6,37-38)

 

 

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