Der Platz neben mir
In Mt 20, 20 – 23 wird über einem Streit um die besten
Plätze berichtet.
Da kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen
Jakobus und Johannes zu Jesus. Sie warf sich vor
ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten.
«Was willst du denn?» fragte er.
Sie antwortete: «Gib meinen beiden Söhnen in deinem
Königreich die Ehrenplätze direkt neben dir!»
Jesus antwortete ihnen: «Ihr wisst ja gar nicht, was ihr
da verlangt. Könnt ihr denn das schwere Leiden
ertragen, das auf mich wartet?»
«Jawohl», antworteten sie, «das können wir!»
Darauf erwiderte ihnen Jesus: «Ganz gewiss werdet
ihr leiden müssen, aber ich kann nicht bestimmen,
wer einmal neben mir sitzen wird. Wer diese Plätze
einnehmen wird, bestimmt allein mein Vater.»
Wie passt das zusammen mit Mk 10, 43 – 44:
Wer in Gottes Augen groß sein will, der soll allen
anderen dienen, und wer der Erste sein will, soll
sich allen anderen unterordnen.
Hallo Du,
es gibt Menschen,
die wollen unbedingt meinen Platz einnehmen, egal
wo ich gerade stehe und bin.
Darin erkenne ich ein Gefühl von Neid.
Andere stellen sich unter mich und beschweren
sich ständig, dass sie von mir getreten werden.
Darin sehe ich ein Gefühl von Minderwertigkeit.
Wieder andere wollen sich über mich stellen und sie
wundern sich, dass ich ihnen beim hochsteigen nicht
helfe, nicht regungslos unter ihnen bleibe oder sie nicht
dauerhaft über mir bleiben, weil sie nicht fliegen können
und weil dieser Platz von Gott bereits besetzt ist.
Darin erkenne ich Überheblichkeit, Hochmut und einen
maßlosen Machtanspruch.
Weshalb ist es denn so schwer, den Platz neben mir
einzunehmen? Erstens ist da noch viel Platz und
zweitens wären wir dann auf gleicher Augenhöhe.
Aber wahrscheinlich ist es gerade das, was andere
nicht wollen. Wo es viele freie Plätze gibt, sind nur
wenige Ehrenplätze.
Und wenn ich mich drehe oder wegbewege, dann
werden auch die Plätze direkt neben mir frei,
es sei denn, die anderen bewegen sich ständig
mit mir mit, um „ihren“ Platz nicht zu verlieren.
Hier ist Bescheidenheit erforderlich und das Vertrauen,
dass ein Ehrenplatz für sie im Herzen reserviert ist.
Vielleicht ist erkennen einige auf gleicher Augenhöhe,
ihre Ungleichheit.
Diese Erkenntnis schmerzt und manche versuchen sie
auszugleichen, indem sie den anderen (vor anderen)
schlecht machen oder schlecht reden, versuchen
ihn zu sich herabzuwürdigen und an ihm herumnörgeln.
Die Kernfrage dieser Menschen scheint zu sein:
Wo ist mein Platz?
Diese Frage kenne ich nicht. Mein Platz ist immer da,
wo ich gerade bin, körperlich, seelisch oder auch geistig.
Und er ist bestimmt nicht da, wo ich sein möchte, denn
da fülle ich den Platz (noch) nicht aus und stehe deshalb
anderen nur im Weg.
Wenn ich einen fundierten Standpunkt habe, nehme ich
einen Platz ein. Wenn ich eine besondere Fähigkeit habe,
habe ich auch eine Aufgabe, die andere nicht so gut
wahrnehmen können, weil sie diese Begabung nicht
haben. Dafür haben sie andere Fähigkeiten, die ich
nicht habe, und Aufgaben, die ich nicht so gut erledigen
kann. Leider aber sind ihnen diese Fähigkeiten oft nicht
bekannt oder nicht wertvoll genug.
Wenn ich gereift bin, wenn ich weiß, wer ich bin,
woher ich komme und wozu ich lebe,
dann weiß ich auch, wo ich hingehöre und wo mein Platz ist;
dann weiß ich, dass jeder Mensch seinen festen Platz
im Leben hat, einen Platz, den ihm niemand streitig
machen kann, weil er dafür nicht die Eignung und
Befähigung, nicht die Lebenserfahrung ,und auch
nicht das Wissen und Können hat.
Niemand kann auf dem Platz eines anderen glücklich
sein oder werden.
Er wäre ständig über- oder unterfordert;
er wäre unzufrieden mit sich und den anderen,
unausgeglichen und unleidlich, weil er seinen
Lebenssinn und Lebenszweck nicht findet und
erfüllt und weil er in seinem Tun und Wirken
keine Bestätigung und Erfüllung findet.
Wer bin ich?
Ich bin der, der ich bin;
der, den Gott (wie er ist) für seine Zwecke erschaffen hat;
der, der liebevolle Veranlagungen hat, die entwickelt und
zur Ehre Gottes eingesetzt werden sollen;
der, der im Leben dazulernen darf und soll,
damit er seinen Platz im Reich Gottes findet und
einnehmen kann,
damit er den Willen Gottes für seinen Lebensweg erkennt.
Woher komme ich?
Ich komme aus der Unendlichkeit, aus dem Nichts,
und wurde von Gott aus Sternenstaub erschaffen und
mit einem Lebensfunken ausgestattet.
Ich komme aus ihm – und war, bin und werde immer
ein Teil von ihm sein.
Er ist mein Schöpfer und wirklicher Vater und ich
trage sein Wesen in mir.
Nach seinem Bilde bin ich erschaffen.
Wo er ist, ist mein Zuhause, ist mein mein Platz und
mein Lebenssinn.
Er gibt mir ein Vorbild und einen Maßstab, Jesus.
Er ist die Quelle meiner Kraft und nur in der ständigen
Verbindung mit ihm, bleibt er es auch.
Mit ihm verbunden zu sein, ist eine Ehre, die
Verantwortung beinhaltet. Sie verpflichtet zur Liebe,
zu Verständnis, zu Barmherzigkeit und Güte.
Sie verpflichtet auf ihn.
Wozu lebe ich?
Ich lebe, damit ich im weltlichen Leben, in der Heraus-
forderung des Alltags, ihn, und in ihm das Gute erkenne,
und darin mich,
damit ich meine negativen Seiten erkenne und überwinde,
damit ich meinen freien und unbändigen Willen bändige
und mich freiwillig seinem Willen unterstelle,
damit ich seiner Liebe und Weisheit vertraue und auf
seinen Wegen gehe,
damit ich ihn in diesem Leben anderen nahe bringe
und ihm damit diene und,
damit ich, im Geist erfahren und gestärkt, zu ihm in
die zeitlose Ewigkeit zurückkehre.
Ich lebe aus seiner Gnade, damit ich als sein Sohn
einen Ehrenplatz neben ihm, neben Jesus, der zu seiner
Rechten sitzt, einnehmen darf und ihn in seiner Regent-
schaft durch meine Gebete, durch mein Verhalten und
mein Tun unterstütze.
„Wäre es da nicht an der Zeit, du würdest dich endlich
um den wahren Reichtum bemühen, um das reine Gold,
das im Feuer geläutert wurde?
Nur dieses Gold macht dich reich, und nur von mir kannst
du es bekommen. Lass dir auch die weißen Kleider von
mir geben, damit du nicht länger nackt und bloß dastehst.
Kaufe dir Augensalbe, die deine blinden Augen heilt.
Es ist ein Zeichen meiner Liebe, wenn ich deine Schuld
aufdecke und dich mit Strenge erziehe. Nimm dir das zu
Herzen und kehre um! Merkst du es denn nicht?
Noch stehe ich vor deiner Tür und klopfe an.
Wer jetzt auf meine Stimme hört und mir die Tür öffnet,
bei dem werde ich einkehren. Gemeinsam werden wir
das Festmahl essen.
Wer durchhält und das Böse besiegt, wird mit mir auf
meinem Thron sitzen, so wie auch ich mich als Sieger
auf den Thron meines Vaters gesetzt habe.“
(Offb 3:18 – 21)

