Der Verstand eilt der Seele weit voraus (Lk 10,27)
Hallo Du,
früher, noch in Saft und Kraft, kam ich mir bei der Arbeit vor wie ein Roboter, der zu funktionieren hatte, der weit in die Zukunft zu planen hatte, der immer wieder politische Absichten zu formulieren hatte, der täglich bis zu 70 Schreiben von Eltern oder angehenden Lehrkräfte zu beantworten hatte, der als Sportler überwiegend am Schreibtische saß, der als Lehrer keine Schüler mehr hatte und der menschliche Bedürfnisse und Kontakte aus Pflichtbewusstsein ständig hintanstellte – aus Zeitmangel oder aus Entkräftung.
Es kam mir vor, als wäre ich in einem Intercity-Zug, der in rasanter Fahrt durch die Landschaft rauscht. Der Lokführer, mein Verstand, arbeitet analytisch, schnell, rational, funktional sowie lösungs- und entscheidungsorientiert, hält sich streng an den Fahrplan. Er ist präzise, pünktlich, effektiv und zielgerichtet. In einem hinteren Waggon mit verdunkelten Fenstern sitzt meine Seele – ohne Ausblick, ohne Überblick, ohne Einblick, ohne zu wissen, warum sie da ist, wo die Reise hingeht und wie lange noch sie noch dort eingesperrt ist.
Während mein Verstand mit Hochgeschwindigkeit durch das Arbeitsleben rattert, quält sich die Seele verunsichert hinter ihm her und wird überrollt von Nichtbeteiligung und Traurigkeit, vom Tempo und Ziel, die sie nicht mitbestimmen durfte. In ihrer Not ruft sie, immer leiser werdend, dem Verstand zu: „Halt! Mir geht es schlecht! Ich ersticke! Ich verkümmere! Ich brauche Licht, frische Luft und jemanden zum Reden. Ich will die Landschaft sehen! Ich möchte verstehen, warum wir wohin unterwegs sind! Ich brauche Beachtung, Einbindung, Zeit und Pausen, um mitzukommen!“ Doch der Zug rauscht weiter und weiter.
Erst als der Verstand erschöpft innehält und bremst, den Zug anhält und der Seele erlaubt, aufzuatmen, auszusteigen, sich umzuschauen und wieder freudig zu jubeln und zu singen – kann die Seele entspannen und anschließend die Reise, versöhnt mit dem Verstand, gemeinsam und im Einklang fortsetzen.
Der Verstand steht hier für Denken, Logik und Rationalität. Er „eilt voraus“, weil er oft permanent aktiv ist – sei es beim Planen, Bewerten, Abwägen oder Entscheiden. Er tut das hochkonzentriert und in Bruchteilen von Sekunden. Er sucht ständig nach Schwachstellen und Lösungen, um eventuelle Probleme sofort zu beheben. Er ist dabei auch den äußeren Anforderungen und Umständen unterworfen, die beschleunigtes Denken, ständige Konzentration, pausenlose Erreichbarkeit, zuverlässige Informationsverarbeitung und umfassendes Multitasking verlangen.
Die Seele symbolisiert unser Fühlen, unsere Intuition, das Bedürfnis nach Verständnis und innerer Balance. Sie steht für Einheit und Verbundenheit, für Inspiration, Kreativität und Vorstellungskraft. Sie symbolisiert die Kraft, Neues zu erschaffen, Welten zu erträumen und noch Unsichtbares sichtbar zu machen. Sie steht auch für Tiefe, für die eigene Entwicklung und Reifung sowie für das Streben nach erfüllendem Sinn. Sie ist wie ein Spiegel, in dem sich alles Menschliche bündelt – das Hoffen, Erinnern, Zweifeln, Leiden, Wachsen, Spielen und Staunen.
Sie ist viel langsamer als der Verstand, weil emotionale Empfindungs- und Klärungsprozesse Zeit brauchen – zum Beispiel, um Erlebnisse zu verarbeiten oder um neue Wege wirklich zu erspüren. Gefühle wollen und müssen wahrgenommen, benannt und verarbeitet werden. Emotionen und intuitives Erleben müssen sich allmählich anpassen und entfalten können. Kreative Impulse und tieferliegende Bedürfnisse melden sich erst, wenn wir wirklich innehalten, wenn wir uns besinnen, wenn wir aus der Hektik aussteigen, durchatmen, die Beine hochlegen oder vertreten und endlich loslassen.
Das Bild vom „Vorauseilen“ zeigt, wie es zu einem Ungleichgewicht kommen kann: Wir handeln meist aus dem Kopf heraus, ohne dass unser Inneres mithalten kann. Das führt zu seelischer Erschöpfung, zu Unzufriedenheit oder innerer Leere. Viele spüren, auch wenn sie äußerlich scheinbar „alles im Griff“ haben, fühlen sie sich innerlich leer oder überfordert. Dann hat der Verstand wieder einmal der Seele den Takt vorgegeben, statt umgekehrt – was dem Verstand Tiefe und Reife geben würde.
Folgen dieses Ungleichgewichts sind innerer Stress, Überforderung und Entfremdung von den eigenen Wünschen. Wir tun, was nicht wirklich erfüllt, was für uns keinen Sinn hat, was wir im Inneren nicht wirklich gutheißen. Damit sind wir Burnout gefährdet. Der Zusammenbruch scheint vorprogrammiert zu sein.
Wie beeinflusst das Ungleichgewicht zwischen Verstand und Seele das menschliche Verhalten?
Wenn der Verstand der Seele vorauseilt, entsteht eine schädliche Lücke zwischen rationalem Handeln und innerem Empfinden. Es entsteht eine innere Anspannung, die beeinflusst, ob und wie wir entscheiden, wie wir fühlen, kommunizieren und mit uns selbst und anderen umgehen.
Der Verstand entscheidet schnell und logisch – oft ohne Rücksicht auf Intuition oder Bauchgefühl. Wichtige Impulse der Seele bleiben ungehört. Seine Entscheidungen wirken zwar rational als ‚richtig‘, sind aber innerlich unbefriedigend. Folgen sind zögerliches Abwägen einerseits bzw. impulsives Voranstürmen andererseits – je nach dem, ob gerade Kopf/Verstand oder Seele/Herz die Führung innehaben.
Emotionen/Gefühlsregungen werden vom Verstand als „störend“ gesehen und unterdrückt. Doch aufgestaute Gefühle brechen irgendwann durch und ergießen sich, unerwartet, in plötzlichen Stimmungsschwankungen, in enttäuschter Unzufriedenheit oder in aggressiver Gereiztheit. Dauerhafter Mangel an emotionaler Verarbeitung führt zu innerer Verspannung, zu Muskelverhärtungen, Angstgefühlen oder innerer Kraftlosigkeit und Leere.
Weil Kopf/Verstand mit Körper/Seele im Dauerzwist ist, bleiben chronischer Stress sowie psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenreizungen oder Schlafstörungen nicht aus. Weiteres Handeln ohne innere Zustimmung führt langfristig zu Erschöpfung und Sinnkrisen.
Wer innerlich nicht mitkommt, kompensiert das oft durch Aktivismus, Zynismus oder andauernde Flucht in Ablenkung. Ihr Verhalten wirkt zwar nach außen selbstsicher oder produktiv, es verdeckt aber nur den Mangel an innerem Gleichgewicht.
Zwischenmenschlich gehen die Empathie und Herzlichkeit verloren. Kühle Rationalität oder Distanziertheit bestimmen den Umgang miteinander. Konflikte werden, wenn überhaupt, nur sachlich-oberflächlich ausgetragen und die Bedürfnisse des fühlenden und leidenden Gegenübers bleiben unberücksichtigt. Man lebt aneinander vorbei. Diese Beziehungen leiden dann unter mangelnder Tiefe und echtem, verständnisvollem und mitmenschlichem Zuhören.
Wer nach Effizienz strebt, auf vielen ‚Hochzeiten tanzt‘ und vieles gleichzeitig zu tun versucht, der ist in seinem Denken und Zuhören selten wirklich präsent. – Nicht einmal im Ausruhen, im Urlaub oder im „Nichts-Tun“.
Probleme zu ‚durchdenken‘ ist normal und oft auch erfolgreich. Sie aber auch zu ‚durchfühlen‘ und zu ergründen, was sie mit uns machen, das ist lehrreicher, erfolgreicher und lösender.
Emotionen „aufzuschieben“ oder „zu verdrängen“ wird zwar immer wieder versucht, gelingt aber fast nie. Sie werden stärker und irgendwann brechen sie auf. Sie müssen sie sich immer ihren Weg bahnen, weil sie ein wichtiges Regulativ sind und um letztlich Schmerzen, Erschöpfung, Zusammenbruch oder Krankheiten zu verhindern.
Weshalb ist der Verstand überhaupt in der Lage, die Seele zu dominieren?
Evolutionär ist der Verstand mit seiner herausragenden Fähigkeit zu planen, zu analysieren und Probleme zu lösen im Vorteil. Er sichert in der Evolution im Notfall das Überleben, weil er oft schon im Voraus Gefahren erkennt und angepasste Lösungen dafür finden kann. Die Seele, mit ihren Empfindungen, Sehnsüchten und intuitiven Impulsen, hat keine „Alarmsirene“, die in Notfällen unüberhörbar schrillt. Sie kann sich nur indirekt ausdrücken beispielsweise durch Traurigkeit und Tränen.
Auch die gesellschaftliche Prägung und Kultur setzt oft auf Verstand, Leistung, Kontrolle und Effizienz. Rationalität wird belohnt. Emotionalität hingegen wird oft als „irrational“ oder „schwach“ gesehen und abgetan.
Auch unser Bildungssystem ist kopflastig: Faktenwissen, Leistung und Analyse zählen, emotionale Intelligenz, Herzensbildung oder Selbstreflexion nicht. Gefühle wie Angst, Trauer oder Sehnsucht werden selten thematisiert und gar reflektiert. Schüler lernen bereits früh, dass der Kopf zählt und das Gefühl eher stört.
Außerdem hat der Verstand hat ein starkes Kontrollbedürfnis. Er liebt Ordnung, Vorhersehbarkeit und Struktur und lässt sich ungern von chaotischen, flüchtigen, manchmal auch widersprüchlichen Gefühlen aufhalten oder korrigieren.
Nicht selten übernimmt der Verstand die Führung zum Schutz der Seele, um sie vor Verletzung oder Überforderung zu bewahren. Sein Denken wird dann zur Rüstung: Wer nicht fühlt, kann nicht (noch mehr) verletzt werden.
Auch liebgewonnene Gewohnheit stützen den Verstand. Sein Trick ist: Wenn er mehrmals erfolgreich die Überhand hatte, wird ihm die zur Gewohnheit – und die Stimme der Seele wird ihm unwichtig.
Viele Menschen haben nie gelernt, bewusst auf Verstand und Seele gleichzeitig zu hören und zwischen ihnen vernünftig und verständnisvoll zu vermitteln. Sie lassen sich entweder vom Denken/Wollen oder vom Fühlen/Empfinden bedrängen und handeln dementsprechend. Es gibt aber in jedem Menschen eine übergeordnete Instanz, nennen wir sie Weisheit, Klugheit oder Vernunft, die ‚Launen‘ zu lenken und Ungleichgewichte auszugleichen vermag.
Wenn selbst das nicht gelingt, wenn der Zwist bzw. das Ungleichgewicht nicht bereinigt werden können, ist noch nichts verloren: Krisen, Erschöpfung oder anhaltende Sinnfragen stürzen irgendwann das unausgewogene System und ermöglichen eine schmerzhafte, aber not-wendige Neujustierung.
Wie kann man Verstand und Seele im Gleichgewicht halten?
Hier einige Vorschläge:
Durch Achtsamkeit: Wer im Moment verweilt – ganz ohne Bewertung – lebt und empfindet bewusst. Kopf und Herz wirken zusammen. Der Mensch ist im Gleichgewicht.
Tagebuch führen: Wer täglich aufschreibt, was er/sie über etwas denkt und fühlt, spürt schneller eine evtl. Unausgewogenheit und sorgt für inneres Verständnis und für Ausgleich.
Kreativ sein: Wer sich kreativ ausdrückt, bspw. beim Malen oder Schreiben oder bei Musik und Tanz, der lässt seine Seele sprechen. Der Verstand muss es nicht verstehen. Er schaut zu, staunt und bewundert die Leichtigkeit.
Körper-Check bei Entscheidungen: Höre in dich hinein, bevor du dich für etwas festlegst. Halte inne: Was meint der Kopf? Was die Seele? Was der Körper? Spürst Herzklopfen oder Befreiung, Enge oder Weite, Angst oder Freude?
Entscheide nicht übereilt: In der Besonnenheit und Stille entfalten sich Klarheit und Tiefe. Plane tägliche Auszeiten, für schlichtes Sein und Empfinden.
Nutze Rituale: Rituale geben Struktur und wirken als Brücken zwischen verschiedenen Aktivitäten. Rituale sind eine Abfolge von Handlungen, die regelmäßig und nach einem bestimmten Muster vollzogen werden. Das können Morgengebet, abendliche Dankbarkeit, ein bewusster Spaziergang, eine Tasse Tee oder das Mittagsschläfchen sein. Sie sorgen für einen Gleichklang zwischen Verstand und Seele, zwischen Kopf und Herz.
Dialog fördern: Wenn der Kopf mal wieder alleine regieren will, spreche ihn an und bestehe auf den Rückmeldungen der Seele. In diesem inneren Dialog entstehen Verständnis, Klarheit und Ausgleich für unausgeglichene Positionen.
Die Bibel kennt dieses Problem und bringt die Lösung in Lukas 10,27 auf den Punkt:
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst«
(Dieser Beitrag wurde im Zusammenwirken mit dem Copiloten von Microsoft erstellt)
