Wie kann man sich selbst vergeben?

 

Hallo Du,

ich habe gestern irrtümlich etwas sehr Dummes, Leichtsinniges und Gefährliches getan, was mich tief erschreckte und erschütterte. Glücklicherweise ist es aber gut ausgegangen – jeden falls knapp. Dafür bin ich sehr dankbar.

Es wirft jedoch bohrende Fragen auf: ‚Wie konnte das passieren?‘ – ‚Wer hat mich gestern beschützt?‘ – ‚Kann ich mir die falsche Entscheidung vergeben?‘

In meiner stillen Zeit heute Morgen bin ich diesen Fragen nachgegangen – mit überraschenden Ergebnissen.

Selbstvergebung beginnt dort, wo wir Fehler eingestehen und dazulernen. Sie ist ein umfassender und oft überraschend anspruchsvoller Prozess, eine aktive innere Arbeit, die Schuld, Scham, Verantwortung und Zukunft miteinander verbindet.

Sich selbst zu vergeben heißt: die eigene Fehlbarkeit anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen, die Konsequenzen zu würdigen – und sich erlauben, daraus zu lernen und gestärkt weiterzugehen. Das ist leichter gesagt als getan.

 

Warum ist Selbstvergebung so schwer?

Wir lernen früh, dass Fehler „nicht erlaubt“ und oft auch noch mit Strafe verbunden sind. Das macht die Selbstkritik zur Grundhaltung.

Dabei vermischen sich Schuld und Scham und halten uns in Grübelschleifen fest.

Hohe Ansprüche an uns selbst lassen kleine Fehler wie große Versäumnisse wirken.

Das ist eine Erklärung; aber die bringt noch keine Befreiung.

 

Ich grabe tiefer und erkenne:

Mein erster Schritt ist, mir den Fehler einzugestehen. Irren ist menschlich! Ich bin nicht perfekt und ich möchte lieber menschlich sein und bleiben. Das ist erträglicher.

Als Nächstes erkenne ich: Schönreden oder Ausreden helfen nicht weiter. Ich muss für meine Fehler wieder einmal die Verantwortung übernehmen. Das kenne ich schon. Also gestehe ich mir ein, dass ich anders hätte handeln können – und ich beschließe, dass ich ab heute anders handeln werde – verantwortungsbewusster für mich und andere – mit Gottes Hilfe.

 

Was mache ich mit meinen Schuldgefühlen?

Ich akzeptiere sie. Sie sind ein wichtiges Signal, bestimmen aber nicht meinen Wert. Sie zeigen nur, dass mir etwas wichtig ist. Und weil ich menschlich und damit auch fehlbar bin, muss ich mich dafür nicht schämen. Ich darf mir vergeben – das entlastet. Außerdem sehe ich keine andere Alternative dazu.

Auch stelle ich mir die Frage, ob ich etwas wiedergutmachen kann oder gar muss. Und auch die, ob das überhaupt nötig oder möglich ist. In diesem speziellen Fall geht das nicht und brauche ich es nicht. Es ist ja alles noch einmal alles gutgegangen. Alle Beteiligten wurden vor Schaden bewahrt.

Früher, in anderen Fällen, habe ich ohne Zögern Wiedergutmachung geleistet, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass das das Vertrauen in mich stärkt und mich dazu befähigt, einem Gespräch, einer einsichtigen Handlung oder einer inneren Klärung nicht mehr auszuweichen. Mir ist bewusst: Vergangenes kann niemand auslöschen. Es ist ein Teil vom Werdeprozess. Man kann es aber als hilfreiche Lehre akzeptieren. Was uns ausmacht, sind nicht unsere Fehler, sondern das, was wir daraus machen.

Albschließendes Ergebnis meines gefährlichen Irrtums ist: Ich bin neuorientiert und schaue wieder vertrauensvoll nach vorne.

 

Was ist und wie wirkt Selbstvergebung überhaupt?

Ich lese, dass viele Menschen glauben, Selbstvergebung sei ein aufbauendes Gefühl. Die Forschung aber zeigt: Selbstvergebung ist eine Entscheidung, die das Gefühl der Befreiung erzeugt. Das heißt: Wir müssen nicht warten, bis wir uns ‚vergeben fühlen‘. Wenn wir handeln, also uns (oder anderen) bewusst vergeben, folgt dem das Gefühl, dass uns bereits ‚vergeben ist‘.

Dieses Gefühl, das aus der Selbstvergebung entsteht, ist eine Mischung aus Erleichterung, innerer Weite, Dankbarkeit, neuem Selbstvertrauen und innerem Frieden, der Getanes nicht verdrängt, sondern integriert.

Bereits die Entscheidung zur Selbstvergebung bewirkt die Erleichterung, dass der Fehler nicht mehr das Selbstbild bedroht und dass das heftige Erschrecken über die eigene Fehlbarkeit seine Macht verliert.

Weil Schuld und Scham den Brustkorb nicht mehr eng machen, entsteht Weite, entsteht Raum fürs Aufatmen, für neue Perspektiven und für die geänderte Zukunft.

Wir können dankbar dafür sein, dass wir dazulernen konnten, dass wir nicht mehr in Scham oder Schuld feststecken, dass wir so wundersam bewahrt wurden und dass wir mit dieser neuen Erfahrung noch bewusster geworden sind.

Zudem gewinnen wir an dem Selbstvertrauen: „Ich kann mit meinen Fehlern umgehen.“ – Ich kann durch Akzeptanz und Integration in meine Vita wieder Frieden finden. – Und erlebe: Fehler schwächen nicht. Sie gehört zu unserer ganz eigenen menschlichen Geschichte. Sie haben uns weitergebracht und sind damit keine Altlast mehr, vielmehr waren sie eine (wenn auch schmerzliche) Notwendigkeit.

 

Fazit

Die Selbstvergebung nimmt jedem Fehler die Bedrohlichkeit. Man erschrickt nicht mehr vor sich selbst, weil man erkennt, dass Fehlbarkeit ein Teil der menschlichen Würde ist!

Und große Dankbarkeit erleichtert die Bereitschaft für neue Erkenntnisse und sie verstärkt auch noch die Erleichterung für jede wundersame Bewahrung.

 

Abschließend kann ich sagen:

Diese spezielle Erfahrung war so intensiv und ergreifend, dass ich sie aufschreiben musste. Das hat gutgetan!

Und sie tröstet und zeigt: Ich habe – mal wieder –  dazugelernt!

 

 

 

„Doch wenn wir ihm unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns vergibt und uns von allem Bösen reinigt.“   (1.Joh 1,9; NLB)

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