Von sich selbst erlöst
Herr, du führst meine Sache
und erlöst mein Leben. (Kla 3,58)
Hallo du,
fragst du dich, was diese seltsame
Überschrift zu bedeuten hat?
Fragst du dich:
Bin ich so schlimm, dass
ich besser nicht wäre?
Weshalb sollte man von
sich selbst erlöst werden?
Bin ich nicht mein bester
und treuester Freund und Fan?
Wer sorgt für mich,
wenn nicht ich selbst?
Hier geht es um die Belastungen
und Lasten, die ich mir selbst auferlege.
Die Kernfrage an mich selbst heißt also:
Von welchen Lasten und Belastungen,
von welchem ‚müssen‘,
möchte ich befreit und erlöst werden?
Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:
1. Arbeit
Oft erleben wir unsere Arbeit
als eine kraftraubende Pflicht.
Wir müssen etwas tun,
was uns vielleicht nicht gefällt
oder wir müssen es so tun,
wie es jemand gerne hätte
und er es uns vorschreibt,
obwohl es unserer Meinung nach
anders leichter ging und besser wäre.
Wir müssen unsere Arbeit, sorgfältig,
genau, fehlerfrei und richtig erledigen
und die dazu nötige Konzentration
kostet Nerven und Kraft.
Wir sind bei der Arbeit Umständen
und Situationen ausgesetzt,
die belastend und zermürbend sind.
Z.B.:
Es ist es zu warm oder zu kalt,
zu laut oder zu zugig,
zu viel oder zu wenig.
Oder,
die Kolleginnen und die Kollegen
sind unfreundlich oder mürrisch,
gereizt oder unzufrieden,
egoistisch oder abweisend,
unkollegial oder wenig hilfsbereit.
Arbeit muss wohl oder übel sein.
Sie dient dem Lebensunterhalt.
Aber um welchen Preis arbeite ich?
Was muss ich dabei schlucken?
Manchmal denke ich,
dass alles leichter wäre,
wenn die Menschen oder
Umstände nicht wären,
wenn ich tun könnte,
was ich für richtig halte,
wenn ich mehr Gestaltungsspielraum
hätte und mehr von mir einbringen könnte.
Kurz gesagt, wenn meine
persönlichen Belange und Interessen
mehr berücksichtigt würden.
2. Ich selbst
Manchmal bin ich unruhig und nervös,
gereizt und polternd, unfreundlich
und abweisend,
oder ich bin ängstlich und gehemmt,
oberflächlich und lustlos, kraftlos und
unkonzentriert,
oder ich bin wütend und habe
aggressive Gedanken und bin
zornig und trotzig wie ein Kind,
oder ich fühle mich
zurückgesetzt, verlassen,
unvollkommen, ungeliebt,
hilflos oder einsam,
dann kann ich mich selbst
und auch die anderen nicht leiden.
Dann leide ich unter mir selbst.
Dann gefalle ich mir selbst nicht.
Dann fühle ich mich nicht wohl.
Weshalb neige ich zu solch
heftigen Gemütsschwankungen?
Weshalb sind spielen meine
Gedanken und Gefühle verrückt?
Was ist im mir nicht mehr
am richtigen Platz?
Ich brauche ich Ruhe und Abstand,
doch ich finde beides nicht.
Was ist mit mir los?
Meistens bin ich dann
zu viel oder zu wenig belastet,
über- oder unterfordert,
ausgebrannt oder gelangweilt,
wie gelähmt.
Es bewegt sich nichts mehr
in meinem Leben.
Ich erkenne kein Weiterkommen
und keinen Erfolg.
Ich kann mich nicht mehr
weiterentwickeln und bewähren.
Ich finde das rechte Maß nicht.
Was sind die Ursachen dafür?
Jetzt kommen wir zum zentralen Punkt.
Es geht nicht nur darum, dass ich
etwas tun muss oder lassen sollte,
sondern es geht auch darum,
wie und mit welcher inneren Einstellung
und Haltung ich etwas tue.
Es geht bei der Arbeit
wie auch bei uns selbst darum,
dass es uns betrifft,
dass es uns nicht gefällt,
dass es unseren Wünschen,
Vorstellungen und Erwartungen
nicht entspricht,
dass es unseren Stolz
und unsere Ehre verletzt,
dass es Unserer nicht würdig ist.
Es geht um unsere Grundeinstellung
zu den Dingen, Situationen und Menschen.
Es geht darum, ob wir
Gutes oder Schlechtes denken.
Es geht darum, wie wir sind.
Niemand kann von sich behaupten,
dass er durch und durch gut, rein,
ehrlich, wahrhaftig und vollkommen ist,
auch wenn wir das gerne wären
und uns gerne diesen Anschein geben.
Genauso wenig kann niemand
von sich behaupten, dass er durch
und durch schlecht, missraten,
falsch, gemein und böse ist.
Einerseits habe wir im Leben gelernt,
dass unser Wohl und unsere Gesundheit
das einzig Wichtige beim Überleben ist.
Da denkt jeder nur an sich!
Da kämpft jeder für sich!
Da setzt man sich durch
oder man geht unter.
Wenn es ums Ganze geht,
sind alle Mittel recht.
Dann ist alles erlaubt!
Das glauben wir jedenfalls,
weil wir es bei anderen so sehen,
weil wir es (um bestehen zu können),
in der Kindheit mühsam erlernen mussten
und weil wir es in vielen mühsamen
Auseinandersetzungen erfolgreich
erprobt haben.
Wir glauben es vielleicht
auch deswegen gerne,
weil die, die sich so verhalten,
anscheinend damit sehr erfolgreich sind.
Andererseits ist jeder Mensch
in bestimmten Situationen auf die Hilfe
und Unterstützung anderer angewiesen,
meist dann,
wenn eigenes Wissen und Können
oder die eigene Kraft und Gesundheit
nicht ausreichen,
um Situationen oder Probleme zu meistern.
Dann brauchen wir alle
Aufmerksamkeit und Zuwendung,
Verständnis und Hilfe,
Liebe und Barmherzigkeit,
Freundlichkeit und Offenheit,
Güte und Geduld,
Ermutigung, Unterstützung
und Beistand.
Also müssen wir beides sein.
Wir müssen eigenständig,
aber auch beziehungsfähig sein.
Wir müssen durchsetzungsfähig,
aber auch nachgebend sein.
Wir müssen konsequent,
aber auch vergebend und herzlich sein.
Beide Aspekte helfen uns,
uns zu orientieren und uns
auf etwas zu konzentrieren,
ausdauernd ein Problem zu lösen
oder ein Lebensziel zu erreichen.
Beide Aspekte helfen uns,
dabei zu wachsen, dazuzulernen
und uns zu vervollkommnen,
dabei uns selbst kennenzulernen
und über unser begrenztes
Selbst hinauszuwachsen.
Beide Pole zusammen,
ermöglichen uns das Überleben!
Beides zusammen macht
unsere (Mit)Menschlichkeit aus.
Wir müssen stark genug sein,
um Hilfe geben zu können
und schwach genug,
um sie anzunehmen.
Wir brauchen Konsequenz,
Disziplin und Selbstbeherrschung
gegenüber uns selbst,
um uns nicht in unseren Wünschen,
Vorstellungen, Erwartungen und Zielen
zu verzetteln und uns dabei
zu verausgaben,
aber wir brauchen auch Offenheit,
Mitgefühl, Einfühlungsvermögen
und Nächstenliebe, um anderen in
Notzeiten beizustehen und um sie
dann zu stützen und durchzutragen.
Niemand möchte mehr Hilfe bekommen,
als er wirklich braucht.
Niemand möchte dauerhaft
von jemandem abhängig sein.
Jeder fühlt sich wohl,
wenn er gesund, stark und erfolgreich ist,
wenn er lieben und geben kann,
wenn er sich anderen zuwendet
und andere sich ihm.
Zum Leben gehört beides:
Jeder hat das Recht,
zu leben, zu erleben und zu leiden.
Jeder hat das Recht,
seine Grenzen kennenzulernen,
und auch das Recht,
an sich zu scheitern und im
Scheitern dazuzulernen.
Jeder hat ein Recht auf Liebe,
Unterstützung und Beistand.
Jeder hat ein Recht
auf Erlösung von sich selbst.
Wer sich selbst zu sehr
in den Mittelpunkt stellt
und andere dabei gering achtet,
der versündigt sich an sich selbst,
denn andere werden ihn
dann genauso wenig achten.
„Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.
Wenn euch also der Sohn befreit, dann
seid ihr wirklich frei.“ (Joh 8, 34,36)
